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EDITORIAL
Jörg Biallas
Lass uns kochen!

In vielen Familien beginnt das Problem schon morgens: Jeder 10. Grundschüler verlässt einer aktuellen Umfrage zufolge das Elternhaus ohne Frühstück. Auch ein zu Hause vorbereitetes Pausenbrot ist längst nicht selbstverständlich. Es ist ja auch einfacher und zeitsparender, einen Müsli- oder Schokoriegel in den Ranzen zu stecken. Und notfalls helfen ein paar Euro für eine Zuckerbombe beim Bäcker an der Ecke. Egal wie: Gesund ist die Alternative zum Familienfrühstück gewiss nicht.

Was unsere Ernährung angeht, leben wir in merkwürdigen Zeiten. Auf der einen Seite steht gutes und bewusstes Essen hoch im Kurs. Regionale Landwirtschaftsprodukte sind gefragt; biologischer Anbau wird immer populärer; Kochseminare und TV-Shows erfreuen sich großer Beliebtheit. Auf der anderen Seite ernähren sich viele Menschen nach wie vor ausgesprochen ungesund. Fast Food und Süßigkeiten ersetzen eine ausgewogene Mahlzeit. Gerade Kinder und Jugendliche sind die Leidtragenden. Das Ergebnis ist Fettleibigkeit schon in jungen Jahren. Wer mit Energy-Drinks und Hamburgern aufwächst, programmiert früh ein hohes Gesundheitsrisiko.

Fraglos werden Essgewohnheiten auch sozial definiert. Der Biomarkt ist nun mal teurer als der Discounter. Das Wollschwein-Kotelett vom Bauern aus der Region können sich viele Familien nicht leisten; als Ersatz dient das Billigangebot aus der Massentierhaltung.

Gleichwohl ist nicht zwangsläufig die Haushaltskasse der Maßstab für eine ordentliche Ernährung. Auch mit vergleichsweise kleinem Budget lässt sich ein schmackhaftes Familiengericht auf den Tisch bringen. Freilich setzt das voraus, wenigstens die einfachsten Grundzüge der Kochkunst zu beherrschen.

Genau an diesem Punkt liegt Vieles im Argen. Kinder und Jugendliche können vielleicht gerade noch Nudelwasser aufsetzen oder eine Tiefkühl-Pizza in den Ofen schieben. Aber einen Blumenkohl kochen? Kartoffeln schälen? Eine Zwiebel zerkleinern? Diese einfachsten Handgriffe hat ihnen nie jemand beigebracht. Und so bleibt die Mikrowelle für Fertiggerichte in vielen Küchen das zentrale Gerät.

Vor der Esskultur steht die Kochkultur. Elternhäuser und Schulen sind gefordert, unsere Kinder für gute Ernährung zu begeistern. Und die beginnt mit einem Frühstück im Familienkreis.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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