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Offene Türen
Lisa Brüßler
Ohne Streit keine Demokratie

23.000 Besucher kamen zum 15. Tag der Ein- und Ausblicke in den Deutschen Bundestag

Zum Plenarsaal haben sonst nur die Abgeordneten Zutritt. Doch am zweiten Sonntag im September zückten hunderte Menschen ihre Smartphones und Kameras, um den im Sommer erneuerten Boden des Saals mit den markanten blauen Sesseln festzuhalten. Währenddessen erklärte Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) ein Stockwerk höher auf der vollen Tribüne sein Amt und antwortete auf Fragen. Nur einmal im Jahr ist das so möglich: Beim 15. Tag der Ein- und Ausblicke informierten sich rund 23.000 Besucher im Berliner Reichstagsgebäude, im Paul-Löbe-Haus und im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus über die Arbeit des Parlaments.

Zur Eröffnung am Morgen sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU): "In der Demokratie muss gestritten werden, denn wo es nur eine Meinung geben darf, ist weder Demokratie noch Freiheit." Er erinnerte auch an die erste Sitzung des Bundestages vor 70 Jahren in Bonn. Was die Herausforderungen für die repräsentative Demokratie angehe, sei er gar nicht so pessimistisch: "Wenn wir nicht so ein breites, großes ehrenamtliches Engagement hätten, wäre unser Land weniger liebenswert", so der Bundestagspräsident.

Dass Streit ins Parlament gehört, finden auch Foelke Wessels und ihr Freund Max. Nur sollte er nicht auf falschen Tatsachen beruhen. Die beiden stehen an einer Station, die "Fake oder Fakt" heißt. Aus zehn Aussagen sollen sie die drei falschen erraten. Zielsicher sortieren die Auszubildende und der Jurastudent die Aussage, dass das Durchschnittsalter der Abgeordneten 71,4 Jahre betrage, als "Fake" heraus. Richtig, denn die Abgeordneten sind im Durchschnitt 49 Jahre alt, liest Wessels von der Lösungsseite des Spiels ab.

Aber nicht nur in Wissensspielen gab es Neues zu erfahren: Ausschüsse, Bundestagsdienste und die Fraktionen stellten sich vor und informierten mit Podiumsdiskussionen und Bürgergesprächen. In der Reichstagsbibliothek stellte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) mit der Autorin Karin Felix das Buch "Ich war hier" vor, das von den Graffitis handelt, mit denen sich sowjetische Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs im Mauerwerk des Reichstages verewigten. Über 18 Jahre begab sich Felix auf die Suche nach den Menschen und Geschichten hinter den Graffitis.

Besonders viele Besucher standen an einer Schlange in der Halle des Paul-Löbe-Hauses: "Herzlich Willkommen im Reich der Ausschüsse", begrüßte Horst Eschenbrenner die Gäste seiner Führung. Eigentlich für den Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur zuständig, zeigte er den Gebäudekamm des Gesundheitsausschusses und erklärte die Aufgaben eines Ausschusssekretariats in einem Sitzungssaal. Dazu hatten die Besucher viele Fragen: Ob jeder Ausschuss eigene Räume hat und wie viele Mitarbeiter dort beschäftigt sind, wollten sie wissen. "Da es inzwischen mehr Ausschüsse als Säle gibt, teilen sich manche auch die Räume", antwortete Eschenbrenner. Ein Ausschuss habe zwischen fünf und 14 Mitarbeitern. "Den Platz des Vorsitzenden erkennt man an dem Prioritätsmikrofon", verriet er den Besuchern. Damit könne er Diskussionen beenden und alle anderen Mikrofone ausschalten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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