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Ortstermin: stipendiaten aus arabischen ländern im bundestag
Götz Hausding
»Das Programm ist keine Einbahnstraße«

Der blaue Bundestagsausweis hat es Bewar Taha angetan. "Wenn ich den Ausweis trage und mich in den Bundestagsgebäuden frei bewegen kann, fühle ich mich hier überhaupt nicht fremd", sagt die 25-Jährige aus Erbil, der Hauptstadt der Region Kurdistan-Irak. Gemeinsam mit weiteren elf Frauen und neun Männer hat sie am heute beendeten vierwöchigen Sonderprogramm des Internationalen Parlamentsstipendiums (IPS) für arabische Staaten teilgenommen. Unbeschreibliche Erfahrungen habe sie gemacht, erzählt Bewar Taha. Ein Highlight des Programms war für sie, "dass ich in die Ausschuss-Sitzungen darf und die gesamten Gespräche und Abstimmungen live mitbekommen kann".

Das Sonderprogramm - "kleiner Bruder" des IPS-Regelprogramms - fand inzwischen zum achten Mal statt. Aufgelegt wurde es erstmals im Jahr 2012 als Reaktion auf den Arabischen Frühling. Das IPS-Sonderprogramm habe vor allem zum Ziel, jungen Menschen aus verschiedenen arabischen Ländern intensive Einblicke in die Arbeitsweise des Bundestages, die Herzkammer unserer Demokratie, zu ermöglichen, erläutert Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen). Sie verbindet damit auch die Hoffnung, "dass unsere Gäste dadurch auch die parlamentarische Debattenkultur auf der Basis unserer Verfassung und deren Grundwerte besser kennenlernen". Das Verständnis für politischen Pluralismus und kulturelle Vielfalt sei schließlich für die Zukunft auch dieser Länder von großer Bedeutung.

Joseph Al Ajami ist sich dessen bewusst. Der 25-jährige IPS-Stipendiat aus dem Libanon, der im Sommer sein Medizinstudium abgeschlossen hat und sich derzeit in der Bewerbungsphase zur Approbation in Deutschland befindet, möchte das im Bundestag erlangte Wissen weitergeben "und hoffentlich so auch etwas zu einer positiven politischen Zukunft des Libanons beitragen".

Besondere Höhepunkte des Programms waren für ihn die Gespräche mit dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Roland Jahn, und einem ehemaligen Stasi-Häftling. "Beeindruckt hat mich auch der Besuch in der Dauerausstellung der Topographie des Terrors", erzählt Joseph Al Ajami. Die Praktikumswoche im Abgeordnetenbüro hat er bei der SPD-Abgeordneten Nezahat Baradari - ebenfalls einer Medizinerin - verbracht.

Die Teilnehmer seien durch die Teilnahme am IPS hochmotiviert, "in unseren Ländern das Gelernte in die Praxis umzusetzen", sagt Bewar Taha. Die junge Frau aus dem Nordirak will sich in jedem Fall auch zukünftig zivilgesellschaftlich engagieren.

Doch nicht nur die Stipendiaten profitieren von dem Programm. "Das IPS ist keineswegs eine Einbahnstraße", sagt Roth. "Auch wir als Gastgeber können von den Teilnehmenden viel über die Situation vor Ort und über die Spannungen in einer Region lernen, die von manchen zum Austragungsort handfester Interessenkonflikten degradiert wird", betont die Bundestagsvizepräsidentin.Götz Hausding

Aus Politik und Zeitgeschichte

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