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DDR-Erfahrungen
Claudia Heine
Wenn die Eltern schweigen

Die »Nachwendekinder« auf Spurensuche in ihren Familien

Mit ihrer Kleinen Anfrage über Ostdeutsche in Führungspositionen trat die Landtagsabgeordnete Simone Oldenburg (Die Linke) aus Mecklenburg-Vorpommern im Januar 2019 eine Debatte über die Frage los: Wer ist Ostdeutscher? Ihre etwas eigentümliche Definition davon lieferte sie in der Anfrage an die Landesregierung gleich mit. Demnach sei Ostdeutscher, wer vor dem 31. Dezember 1975 in der DDR geboren wurde und bis 1989 dort gelebt habe. Angela Merkel, die zwar in Hamburg geboren, aber als Säugling in die DDR gekommen ist, wäre demnach nicht ostdeutsch. Und wer am 1. Januar 1976 geboren wurde, wäre es auch nicht mehr.

Der Journalist Johannes Nichelmann, geboren 1989 im Osten Berlins, führt diese Debatte in seinem Buch fort. "Nachwendekinder" haben die DDR zwar nicht mehr selbst erlebt, weil sie kurz vor oder nach deren Ende geboren wurden. Aber offenbar steckt diese DDR in ihnen tiefer drin, als man auf den ersten Blick vermuten würde. "Die DDR und ich - wir sind miteinander verbunden, wobei ich nicht genau verstehe, wie und warum", schreibt er zu Beginn seiner Recherche. Entstanden ist eine interessante Spurensuche von Angehörigen dieser Generation, die sich aufmacht, diese Frage zu beantworten.

Doch am Anfang steht das Schweigen der Eltern über deren Erlebnisse in der DDR. Offenbar wurde in den beschriebenen Familien kaum oder nur anekdotenhaft über diese Zeit gesprochen, sodass die Kinder die DDR bisher nur in Extremen - Campingurlaub mit Trabi (Familie) auf der einen und Stasi-Knast (Schulunterricht) auf der anderen Seite - kennenlernten. Entweder sei das Bild schwarz oder weiß, das Dazwischen fehle, so Nichelmann.

Er redet mit seinen Altersgenossen über ihr Verhältnis zur verschwundenen Heimat ihrer Familien und eine daraus entstehende ostdeutsche Identität. Über ihr Gefühl, vor allem gegenüber Westdeutschen ständig etwas verteidigen zu müssen, was sie gar nicht kennen, aber endlich besser verstehen wollen. "Das Leben meiner Eltern in der DDR ist für mich ein blinder Fleck", sagt Franziska, eines der Nachwendekinder. Er befragt Wissenschaftler nach den noch 30 Jahre später spürbaren Folgen des Bruchs von 1989. "Das ist für mich das Zeichen, dass das keine Bagatelle ist und auch ernst genommen werden muss", sagt zum Beispiel die Soziologin Hanna Haag. Und er führt die Familien, auch seine eigene, an Wohnzimmertischen zusammen, stößt hinter verstaubten Familien-Anekdoten auf enttäuschte Ideale, verschwiegene Tragödien, große Hoffnungen und schmerzliche Verluste. Heraus kommt ein offener, oft auch schmerzhafter Dialog zwischen den Generationen und eine vom Autor mit Spannungsbögen gekonnt ausgestattete Erzählung, lesenswert für alle, die jenseits der Klischees nach Zwischentönen fragen.

Allerdings, und das ist der Nachteil des Buches, porträtiert es vor allem Familien, deren Mitglieder beruflich oft in Führungspositionen arbeiteten. Bei denen sei das Schweigen vor allem verbreitet gewesen, schreibt Nichelmann. Aus dieser Blase eines mehr oder weniger akademischen Milieus schafft es das Buch leider nicht wirklich heraus.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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