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EUropa
Johanna Metz
Abschiedsworte eines großen Europäers

Fünf Jahre lang stand Jean-Claude Juncker an der Spitze der EU-Kommission. Zum 1. November scheidet der langjährige luxemburgische Premierminister offiziell aus dem Amt, führt aber noch die Geschäfte bis seine Nachfolgerin Ursula von der Leyen starten kann. Deren Amtsantritt verzögert sich, nachdem das Europäische Parlament (EP) drei ihrer designierten Kommissare abgelehnt hat.

"Ich scheide aus dem Amt im Gefühl, mich redlich bemüht zu haben", sagte der 64-Jährige vergangene Woche in seiner letzten Rede im EP. Er sei "stolz darauf, vor allem in den letzten fünf Jahren ein kleines Teilchen eines größeren Ganzen gewesen zu sein, das wichtiger ist als wir".

Juncker, in dessen Amtszeit etliche Krisen fielen - neben der Brexit-Entscheidung die Euro-Schuldenkrise und die Flüchtlingskrise - erinnerte daran, dass die Europäische Union vor allem auch ein Friedensprojekt ist. Seinen Nachfolgern gab der Christdemokrat einen Rat mit auf den Weg: "Bekämpft mit aller Kraft den dummen Nationalismus."

Der Luxemburger, der sich auf Deutsch, Englisch und Französisch gleichermaßen eloquent verständigen kann, hat in seiner politischen Laufbahn insgesamt 147 EU-Gipfel absolviert. Als sie im Dezember 2005 erstmals an einem teilgenommen habe, sei Juncker - damals als Ministerpräsident seines Landes - schon fast zehn Jahre dabei gewesen, erinnerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vorvergangene Woche auf dem jüngsten Treffen der Staats- und Regierungschefs in Brüssel. "Man sieht, was für ein Urgestein der europäischen Geschichte er ist", fügte die Kanzlerin anerkennend hinzu.

Bedauern über Brexit Dass der leidenschaftliche Europäer, der Ungarns Premier Viktor Orban schon mal mit "Hallo, Diktator" begrüßte, Mitarbeitern öffentlich durch Haar wuschelte und auch sonst durch eine gewisse Exzentrik auffiel, zuletzt wieder über den von ihm ungeliebten Brexit verhandeln musste, hat ihm sichtbar missfallen. Der Brexit sei "eine Zeit- und Energieverschwendung", empörte er sich vor den Europaabgeordneten. Er werde die Entscheidung immer bedauern. Allerdings "können wir in den Spiegel schauen und uns sicher sein, dass wir alles dafür getan haben, dass es ein geregelter Austritt wird."

Als Erfolg wertete er den 2014 von ihm gestarteten "Juncker-Plan". Der sollte, ausgestattet mit 21 Milliarden Euro Grundkapital, die Finanzierung von Investitionen in vielfacher Höhe absichern. Was laut EU-Kommission auch funktioniert hat: Bis jetzt seien zusätzliche Investitionen in Höhe von 439,4 Milliarden Euro mobilisiert worden, so ihre Berechnung. Juncker betonte, damit seien 1,1 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen und das europäische Wirtschaftswachstum zusätzlich um 0,9 Prozent gesteigert worden.

Als er seinen Kommissaren dankte ("Ohne sie wäre mir nichts gelungen"), kämpfte er mit den Tränen. Seine Rede schloss Juncker mit den Worten: "Es lebe Europa!"

Aus Politik und Zeitgeschichte

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