Inhalt

TINO CHRUPALLA
Kristina Pezzei
»Garant für Qualität«

Der stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion fordert eine generelle Rückkehr zur Meisterpflicht.

Herr Chrupalla, Sie sind selbst seit 2003 Malermeister mit eigenem Unternehmen. Welche Vorteile hat Ihnen der Meistertitel verschafft?

Zuallererst, dass ich mich selbstständig machen, ein Unternehmen gründen durfte. Das war ja damals Grundvoraussetzung, damals gab es die Novelle der Handwerksverordnung ja noch nicht. Für mich bedeutete das auch ein Stück Freiheit zu sagen, wo ich arbeite, wann ich arbeite, zu welchen Kunden ich gehe.

Nach der Novelle von 2004 konnten das viele Handwerker auch ohne Meisterabschluss.

Das stimmt, wobei genau mein Gewerk als meisterpflichtig bestehen geblieben ist. Es gab dann allerdings Aufweichungen wie die Altgesellenregel, die ebenfalls den Weg in die Selbstständigkeit ermöglichte. Für mich war der Meister immer ein Garant für Qualifizierung und Qualität.

Begrüßen Sie folglich den Gesetzentwurf der Regierungsfraktionen, nachdem Ihre Fraktion selbst einen Gesetzentwurf zu dem Thema vorgelegt hat?

Wir haben einen Gesetzentwurf vorgelegt, in dem wir die Rückkehr aller Gewerke zur Meisterpflicht vorsehen. Es gab vor kurzem eine Anhörung im Bundeswirtschaftsministerium dazu, bei dem sich lediglich drei Gewerke dagegen ausgesprochen haben, alle anderen wollten zurück zu der Regelung von vor 2004. Insofern begrüßen wir als Fraktion den aktuellen Gesetzentwurf, aber er geht uns nicht weit genug. Vor allem die Unterscheidung zwischen den zwölf Berufsfeldern, die jetzt wieder der Meisterpflicht unterliegen sollen, und den anderen weiterhin zulassungsfreien leuchtet mir nicht ein. Was unterscheidet einen Orgelbauer vom Geigenbauer? Für mich fallen beide unter den Kulturgutschutz.

Würden Sie die Novelle von 2004 komplett rückabwickeln?

Wir würden das weitestgehend rückgängig machen, ja. Zumindest für die Gewerke, die das wünschen, sollte das möglich werden. Für die, die sich in der Zwischenzeit selbstständig gemacht haben ohne Meistertitel, soll es eine Übergangsfrist von zehn Jahren geben, in dem sie ihre Meisterprüfung nachholen können. Das sehe ich als Grundvoraussetzung an, wenn man die Qualität wieder auf ein Level heben und Chancengleichheit gewährleisten möchte.

Kritiker sagen, man kriegt jetzt schon schwer einen Handwerker, weil alle ausgelastet sind. Künftig werde es dann in einigen Berufsfeldern noch schwerer. Was entgegnen Sie dem?

Bei dem Argument frage ich zurück: Was wollen wir denn - einen Handwerker, der den Auftrag möglichst schnell erledigt, oder wollen wir Qualität? Man erhält ja deswegen schwer einen Handwerker, weil uns die Nachwuchskräfte fehlen. Kleine Betriebe erhalten viel zu wenig Unterstützung für ihre Ausbildungsleistung. Man sieht es am Beispiel der Fliesenleger, da wurde quasi nicht mehr ausgebildet. Da ist schon viel an Fachwissen verloren gegangen. Ein anderes Problem, mit dem wir heute zu kämpfen haben, ist das Bildungsniveau, mit dem sich junge Menschen für Ausbildungsplätze bewerben.

Wie könnten denn Anreize gesetzt werden?

Man müsste schon in der Schule wieder anfangen, das Handwerk als Berufszweig sichtbarer zu machen. Damit haben wir jetzt in Sachsen begonnen, also konsequent Werkunterricht einführen, Praktika anbieten. Das könnte man sogar auf Gymnasien ausweiten: Vielleicht entdeckt ja auch dort der eine oder andere seine Faszination für ein bestimmtes Gewerk, wo zum Beispiel ein besonderes ästhetisches Feingefühl und musikalisches Gehör gefragt ist. Oder für ein aussterbendes altes Handwerk, für das es doch immer noch eine Nachfrage gibt. Das Interessante an der handwerklichen Tätigkeit ist ja, dass es den Einsatz von Geist und Körper fordert.

Wer ist da gefragt?

Bei der Stärkung der Attraktivität des Handwerks allgemein ist nicht nur die Politik, sondern sind auch die Verbände gefragt. Sie müssen beispielsweise auf Messen auf die Chancen aufmerksam machen, in die Schulen gehen. Es wäre sicherlich auch hilfreich, wenn unsere Intellektuellen und Philosophen den Wert des Handwerks wieder stärker in ihre kulturkritischen Reflexionen mit einbeziehen würden. Die Politik kann und muss aber entsprechende Impulse und Prioritäten setzen. In Österreich hat das Bundeskanzleramt eine Studie mit dem Titel "Traditionelles Handwerk als immaterielles Kulturerbe und Wirtschaftsfaktor" aufgelegt. Warum reden wir hierzulande so wenig über traditionelles Handwerk?

Sie sagen zugleich, wer dann kommt, müsste erst richtig rechnen und schreiben lernen und pünktlich erscheinen.

Das ist in der Tat ein Problem. Ich bin selbst als Ausbilder tätig gewesen und weiß, dass ich bestimmte Defizite ausgleichen kann, auch zum Teil Nachhilfe in Sachen Pünktlichkeit, Sauberkeit oder ordentliches Benehmen. Aber wir können nicht alles ausgleichen, was vorher auf dem Bildungsweg oder im Elternhaus schief gelaufen ist, oder was die kulturelle Prägung angeht. Die Willkommenslotsen konnten auch nicht verhindern, dass es bei den Migranten eine hohe Abbrecherquote gibt. Generell sind viele junge Leute nicht mehr gewöhnt, gewisse Strapazen auf sich zu nehmen. Da liegt meiner Meinung nach ebenfalls ein Grundproblem: Grundlegende Werte werden immer weniger vermittelt, und körperliche Anstrengung wird höchstens noch im Fitness-Studio vor dem Spiegel in Kauf genommen. Die Rückbesinnung auf das Handwerk als wichtige Säule unserer Kultur muss Jugendlichen wieder stärker vermittelt werden.

Welches Potenzial ruht darin für Ihre Region, die Lausitz, die vor einschneidenden Veränderungen steht?

Die Region ist durch klein- und mittelständische Betriebe geprägt, wobei dort natürlich eine Voraussetzung ist, dass man zusätzlich Industrie hat beziehungsweise hatte, für die Handwerker als Dienstleister gebraucht werden beziehungsweise wurden. Anstatt futuristische, internationale Forschungseinrichtungen hochzuzüchten, wie es der erste Entwurf des Strukturstärkungsgesetzes vorsieht, könnte man hier ja auch gezielt das traditionelle Handwerk fördern. Es würde gut zur Region um den Spreewald passen, auch die Region Görlitz und Zittau war ja in der Vergangenheit sehr stark durch das Handwerk geprägt, insbesondere das Textilhandwerk. Die geographische Lage an der polnischen Grenze bringt einige Schwierigkeiten mit sich, aber ja, diese Unternehmen, die in diesen strukturschwachen Regionen vorhanden sind, die müssten wir jetzt entlasten und fördern.

Wie konkret?

Indem man Bürokratie abbaut, steuerliche Sonderabschreibungen ermöglicht, Infrastruktur ausbaut. Man kann das sofort machen, und das erhöht die Attraktivität solcher Arbeitsplätze, denn weniger Bürokratie ermöglicht den Unternehmen, höhere Gehälter zu zahlen. Wir kritisieren stark, dass bestehende Unternehmen in den ganzen Überlegungen zum Strukturwandel keine Rolle spielen.

Die Bedingungen für Neuansiedlungen werden intensiv diskutiert.

30 Jahre lang hat sich in Ostsachsen kein Großunternehmen angesiedelt. Warum sollte das jetzt geschehen? Bei uns ist seit 30 Jahren Strukturwandel, die Leute wandern nach wie vor ab. Neue Wertschöpfung schaffen wir auch nicht mit der Ansiedlung von Behörden, sondern nur mit dem Stärken bestehender Betriebe. Man kann außerdem fragen, warum immer noch Berufschulen im ländlichen Raum schließen. Das richtet das Handwerk zu Grunde.

Das Gespräch führte Kristina Pezzei.

Tino Chrupalla (43) ist stellvertretender Vorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion und vertritt den Wahlkreis Görlitz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag