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Gastkommentare - Contra
Henrike Roßbach, "Süddeutsche Zeitung", München
Mehr Liberalisierung

Brauchen wir die Meisterpflicht?

D ie Deutschen sind zwar ein Volk der Heimwerker; in vielen Lebenslagen aber reicht es nicht, selbst einen Hammer halten zu können. Dann müssen Profis ran, echte Handwerker, und von denen gibt es derzeit eher zu wenige als zu viele.

Im Großen und Ganzen haben die begehrten Handwerker heute in gutes Image. Nicht nur bei ihren Kunden, sondern auch in der Politik. Und zwar völlig zu Recht: Das Handwerk kann längst Hightech, integriert Flüchtlinge, gibt auch Schulabbrechern eine Chance und verkörpert den kapitalmarktfernen, lokal verwurzelten Mittelstand.

Weil Handwerksbetriebe aber als "die Guten" gelten, werden ihre Privilegien in der Politik oft leidenschaftlich verteidigt. Allen voran die Marktzugangsbeschränkung namens Meisterpflicht. Dass sie einmal gelockert wurde - 2004 wurde der Meisterzwang in 53 von 94 Berufen abgeschafft -, bereuen heute offenbar viele in der Regierung: Die damalige Liberalisierung soll aktuell für einige Berufe wieder rückgängig gemacht werden.

Das aber leuchtet nicht ein. Ja, der Meister ist ein Qualitätssiegel, und Meisterbetriebe bilden deutlich mehr aus als die vielen kleinen Firmen, die durch die Liberalisierung entstanden sind. Aber die Kunden haben ja die Wahl: Sie können einen Fliesenleger mit Meisterbrief beauftragen oder einen, vielleicht günstigeren, ohne. Und mit Ausbildungsverweigerung in Zeiten des Fachkräftemangels schaden Handwerksbetriebe vor allem sich selbst.

Statt die Lockerung des Meisterzwangs zurückzudrehen, sollte man über weitere Liberalisierungen nachdenken, über mehr niederschwellige Möglichkeiten, ein kleines Unternehmen zu gründen, damit Verbraucher mehr Wahlmöglichkeiten haben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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