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Gastkommentare - Pro
Michael Kerler, "Augsburger Allgemeine"
Ein richtiger Schritt

Brauchen wir die Meisterpflicht?

W irtschaftspolitik hat einen Vorteil: Sie kann bei vielen Fehlentwicklungen noch eingreifen und sie korrigieren. Die geplante Wiedereinführung der Meisterpflicht in zwölf Berufen - vom Fliesenleger bis zum Orgelbauer - ist ein richtiger Schritt. Denn die Liberalisierung der Handwerksordnung im Jahr 2003 hatte fatale Konsequenzen.

Ein Meisterbrief steht in Deutschland für Qualität. Die Meisterpflicht ist nach dem Willen des Gesetzgebers unter anderem dafür da, den Schutz von Leben und Gesundheit zu gewährleisten. Was hochtrabend klingt, wird schnell konkret: Welche Materialien und Kleber ein Raumausstatter wählt, beeinflusst unsere Innenluft. Und nach Pfusch am Bau bei Estrich oder Fliesen kam es in den vergangenen Jahre immer wieder vor, dass selbst in öffentlichen Gebäuden neu verlegte Flächen komplett herausgerissen werden mussten. Unebenheiten und Stolperfallen sind nicht nur riskant, Baupannen kosten Zeit und Geld. Mit dem Wegfall der Meisterpflicht konnten auch Leute ohne diese Qualifikation in den betroffenen Bereichen einen Betrieb gründen. Die Zahl der Ein-Mann-Betriebe war seit 2004 regelrecht explodiert.

Dazu kommt: Der Wegfall der Meisterpflicht war ein fatales Signal für die in Deutschland sonst so hochgehaltene duale Ausbildung und die Fachkräftesicherung. Im Fliesenleger-Handwerk erwerben dem Fachverband Fliesen und Natursteine zufolge heute 80 Prozent weniger Menschen einen Meisterbrief als 2004, die Zahl der Auszubildenden brach von rund 4.500 im Jahr 2002 auf rund 2.200 im Jahr 2016 ein. Ohne Meister findet keine Ausbildung mehr statt. Es gilt, diese Abwärtsspirale bei Qualität und Fachwissen zu stoppen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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