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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Zupackende: Astrid Grotelüschen

Schmucklos steht ein Vorratsglas auf dem Schreibtisch. "Das bleibt diese Woche mal wieder leer", lacht Astrid Grotelüschen. Die Abgeordnete aus dem Nordwesten widersteht der Versuchung, es mit Süßigkeiten zu füllen - diese Woche; als Diplom-Ökotrophologin weiß sie um gesunde Ernährung, "ich versuche darauf zu achten".

Es ist Freitagvormittag, die 54-Jährige kommt vom Plenum, muss auch gleich wieder hin. Gegen Mitternacht wird sie zuhause sein. Neben dem Glas steht ein Blumenstrauß, wie jeden zweiten Montag, an dem sie in Berlin ihr Büro betritt; den schickt ihr Mann. Die gebürtige Rheinländerin sitzt im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, der Bundestag verhandelt die Rückkehr der Meisterpflicht in zwölf Gewerken. "Es gab Qualitätseinbußen, auch weniger Verbraucherschutz", sagt sie. Zum Beispiel bei den Fliesenlegern seien Meisterbetriebe durch den Gründungsboom, insbesondere von Soloselbständigen, verdrängt worden. "Diese haben aber nur eine durchschnittliche Bestandsdauer von vier Jahren im Gegensatz zu den nachhaltig wirtschaftenden Meister-Handwerksbetrieben. Das ist zu gering. Man will ja als Verbraucher langfristige Ansprechpartner haben."

Gibt es nicht eh schon einen Fachkräftemangel? Wegen des Trends zum Abitur, der demografischen Entwicklung? "Es wurden weniger Ausbildungsstellen angeboten", erwidert Grotelüschen. "In den zulassungsfreien Gewerken ging die Ausbildungsleistung drastisch und überproportional zurück." Einwände, eine Rückkehr von Meisterpflichten könnte die Integration behindern, überzeugen sie nicht: "Von allen Geflüchteten, die eine Ausbildung machen, macht jeder zweite eine im Handwerk. Das ist sehr wichtig für das Land, dafür können wir dankbar sein. Ich kenne im Wahlkreis viele positive Beispiele."

Grotelüschen beackert ein Themenfeld, das nicht im öffentlichen Rampenlicht steht. Es gibt Ressorts, die wirken mehr sexy. Aber: "Kleine und mittlere Unternehmen wirken stark in unsere Gesellschaft hinein. Das muss die Politik mehr in den Blick nehmen." Dies definiere ihren Antrieb: "Nicht nur mehr Wertschätzung den Betrieben gegenüber, sondern auch zu fragen, was wir konkret für Betriebe tun können." Schließlich ist sie Vizevorsitzende des Unterausschusses Regionale Wirtschaftspolitik und ERP-Wirtschaftspläne, auch solch ein kaum beachteter Acker, obwohl es um Milliardenbeträge geht. Grotelüschen schaut nun ernst. "Wir wollen mehr Gründungen in den ländlichen Regionen."

Grotelüschens Weg war nicht vorgezeichnet. Der Vater Elektromeister, die Mutter Verkäuferin. "Meine Eltern hätten gern studiert, aber sie hatten viele Geschwister und die finanzielle Lage gab das nicht her." Sie studierte dann als erste in der Familie, jobbte unter anderem in einem vegetarischen Restaurant in Bonn. Dann die Heirat, der Umzug nach Niedersachsen und die Arbeit im Familienbetrieb ihrer Schwiegereltern, einer Brüterei.

Irgendwann fiel die gebürtige Rheinländerin auf. "Ich wurde von der CDU gefragt, weil ich offen und kommunikativ bin, viel ehrenamtlich leistete." Grotelüschen trat erst mit 36 Jahren in die Partei ein. Wählte sie vorher CDU? Sie lächelt. "Ja, das ist vorgekommen." 2009 drehte sie den Wahlkreis Delmenhorst-Wesermarsch-Oldenburg/Land, der vorher über Jahrzehnte hinweg in roter Hand gewesen war. Sie war eine Frau, Quereinsteigerin, Mutter dreier Kinder, galt als eine, die anpackt. Das überzeugte.

Nur ein paar Monate später wagte sie einen Ausflug in die Landespolitik, der für sie jäh endete. Man ernannte sie zur Landwirtschaftsministerin - doch nach acht Monaten trat sie zurück; es hatte Kritik bei Opposition und Tierschützern wegen ihrer beruflichen Vergangenheit gegeben. 2013 dann das Comeback: Grotelüschen kandidierte wieder für den Bundestag - und holte erneut das Direktmandat. Angekommen fühlt sie sich im Parlament. "Was ich mache, erfüllt mich." Und ihr Mann muss viele Blumen schicken.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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