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Handwerk
Susanne Kailitz
Meistergüte mit Zwang

Die Lockerung der Meisterpflicht wird teils zurückgenommen. Das freut auch den Deutschen Gewerkschaftsbund

Eigentlich gibt Melanie Horgas ungern Interviews. Heute macht die Berlinerin eine Ausnahme: "Wenn es darum geht, etwas Gutes für die Menschen zu bewirken, dann muss es sein." Das Gute ist in dem Fall klar definiert: Horgas unterstützt das Vorhaben der Politik, zur Meisterpflicht zurückzukehren.

Für die Fliesenlegermeisterin ist völlig klar, dass die Abkehr von der Meisterpflicht 2004 "ein riesiger Fehler" war. "Denn seither besteht ein ganz großer Teil meiner Arbeit darin, den Pfusch, den andere angerichtet haben, wieder in Ordnung zu bringen. Zu dem, was ich eigentlich machen möchte, komme ich viel zu wenig." Gerade eben habe sie mit einer völlig verzweifelten Kundin telefoniert, die ihr Bad von einem selbständigen Fliesenleger ohne Meistertitel renovieren ließ. "Der hat das mit dem nötigen Gefälle in der Dusche nicht beachtet. Jetzt läuft das Wasser nicht ab - und das lässt sich nicht mal so eben reparieren." Immer wieder habe sie mit Menschen zu tun, die nach einem preiswerten Anbieter gesucht hätten, zum Schluss aber doppelt zahlen müssten. "Das muss ja alles wieder raus und neu gemacht werden. Am Ende steht der dreifache Preis", sagt Horgas.

Zwölf Gewerke Es sei also allerhöchste Zeit, dass die Politik handle und den Meisterzwang wieder einführe. Diese gesetzliche Regelung besagt, dass es nur Handwerksmeistern und Gleichgestellten erlaubt ist, handwerkliche Betriebe zu führen. In zwölf Berufen soll das so schnell wie möglich geschehen, darunter Fliesenleger, Raumausstatter und Orgelbauer (siehe Seite 1). Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht darin "ein starkes Signal für die Zukunft des Handwerks": Der Qualitätsstandard "Meister" stehe im deutschen Handwerk für "Qualitätsarbeit, Verbraucherschutz, Leistungsfähigkeit und Innovationskraft". Die Meisterpflicht mache Handwerksberufe "zudem attraktiv für junge Menschen und ist die Voraussetzung für duale Ausbildungsleistung und Nachwuchsförderung". Sie ist aber auch eine Rolle rückwärts: 2004 wurde unter der rot-grünen Regierung die Handwerksordnung so geändert, dass die Meisterpflicht in 53 von insgesamt 94 Gewerken entfiel. Man erhoffte sich damals, in Jahren hoher Arbeitslosigkeit, mehr Gründungen und Anreize zur Selbständigkeit im Handwerk. Genau das ist auch eingetreten: Die Zahl der Betriebe hat sich seit Anfang 2004 von rund 75.000 auf mehr als 244.000 im Jahr 2017 gesteigert.

Dass es einen wahren Gründungsboom gegeben hat, konstatieren sowohl Befürworter wie Gegner des Meisterzwangs. Weit auseinander aber gehen die Bewertungen von dessen Folgen.

Verbandskritik Der Zentralverband des Handwerks sieht seit 2004 erhebliche "Fehlentwicklungen", weil die Qualität der Leistungen und Ausbildung stark gelitten hätten. Es gebe zu den beklagten Qualitätseinbußen zwar keine belastbaren Zahlen, sagt Roland Ermer, Präsident des Sächsischen Handwerkstages, "aber wir hören aus den Innungen ganz deutlich, dass die Zahl der Beschwerden zugenommen haben". Heute könne jeder "Möchtegern-Handwerker" Bäder fliesen oder Dächer decken, aber weil dafür nicht mehr einmal ein einfacher Berufsabschluss nötig sei, machten sich auch viele ans Werk, die dafür nicht ansatzweise die nötigen Fähigkeiten mitbrächten. Dazu kommt: Die Meister haben sich ihre Qualifikation in der Regel richtig was kosten lassen. Viele Tausend Euro kosten die Meisterkurse, ein gutes Einkommen ist in dieser ausbildungsintensiven Phase für die meisten nicht zu erwirtschaften. Was sie bringen, ist für die Kunden auf den ersten Blick meist nicht zu sehen.

Auch Heinz-Günther Habbigs Branche soll demnächst zur Meisterpflicht zurückkehren - und der Orgelbauer ist froh darüber. Natürlich könne ein Geselle nach der dreieinhalbjährigen Ausbildung das, was er für seinen Beruf brauche. "Aber die Spezialisierung, die ein Meisterkurs bringt, ist um ein Vielfaches höher." Ein gelernter Orgelbauer könne die bis zu 6.000 Pfeifen einer Orgel warten und reparieren. Aber das gesamte Instrument zu intonieren, erfordere Kenntnisse und Erfahrung, die darüber weit hinausgingen.

Auch das ist ein Aspekt, den die Handwerksverbände immer wieder anbringen: Die vielen neuen Selbständigen ohne Meisterbrief würden - anders als die mit dem Abschluss - nicht ausbilden, sie geben das wichtige Wissen nicht weiter.

Doch es gibt auch kritische Stimmen. Die Monopolkommission - bestehend aus unabhängigen Beratern der Bundesregierung - plädiert deutlich für eine weitere Zulassungsfreiheit im Handwerk. Man habe, so sagt Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim und Mitglied des Gremiums, "keine belastbaren Informationen für die behaupteten Qualitätseinbuße gefunden". Grundsätzlich sei der Meisterzwang ein erheblicher "Eingriff in den Markt" und "kein geeignetes Instrument", um eine hohe Qualität im Handwerk zu sichern. Er stelle lediglich sicher, dass die Betriebsinhaber eine formal höhere Qualifikation aufwiesen, ein Großteil der praktischen Arbeit aber von Gesellen und Lehrlingen geleistet werde. Zudem müsse es den Kunden überlassen sein, ob sie teure Leistungen eines Meisters oder preiswertere eines Anbieters ohne Meisterbrief in Anspruch nehmen wollen.

DBG für Pflicht Für den Deutschen Gewerkschaftsbund steht eine andere Frage im Mittelpunkt: Die Betriebe, die mit gut ausgebildeten und tariflich bezahlten Gesellinnen und Gesellen qualitativ hochwertige Arbeit leisten, hätten "heute mit unqualifizierter Billigkonkurrenz zu kämpfen", so Bundesvorstandsmitglied Stefan Körzell. "Sie kommen oft nicht mehr zum Zug, weil ihre Preise im Wettbewerb nicht bestehen können. Damit sind tarifgebundene Betriebe in ihrem Bestand gefährdet." Der DGB will, dass es für mehr Gewerke als die zwölf bisher geplanten wieder eine Meisterpflicht gibt, etwa für die Gebäudereiniger. Bei Elektrikern würde ja auch kein Mensch auf die Idee kommen, die Meisterpflicht abzuschaffen - "schließlich wollen wir alle in unseren Wohnungen, am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit sicher ohne Stromschlag unterwegs sein". Das Gleiche gelte für Gebäudereiniger, die in ihren Jobs mit Reinigungsmitteln und gefährlichen Chemikalien umgingen. "Zudem reinigen sie beispielsweise Operationssäle in Krankenhäusern. Da geht es dann auch um Infektionsgefahren, um den Schutz von Leben und Gesundheit - sowohl für die Patienten als auch für das Personal."Susanne Kailitz

Die Autorin ist freie Journalistin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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