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Ausbildung
Lisa Brüßler
Der Fachkräftemangel von morgen

Der Azubi-Engpass ist zwar nicht an allen Orten und in allen Branchen gleich verteilt - führt aber bundesweit zu Problemen

Jeder braucht sie fast täglich, aber den Beruf ergreifen wollen immer weniger. Der Handel mit Lebensmitteln gehörte 2018 in fast jedem Landkreis zu den zehn Branchen mit den größten Nachwuchssorgen. Das führt dazu, dass Unternehmen kreative Wege gehen. So kündigte die Schwarz-Gruppe aus Neckarsulm, zu deren Handelssparten Lidl und Kaufland gehören, vergangene Woche an, ab 2020 - freiwillig - 1.000 Euro brutto Ausbildungsvergütung an ihre rund 3.800 Auszubildenden zu zahlen. Das ist fast doppelt so viel, wie die vergangenen Donnerstag vom Bundestag verabschiedete Azubi-Mindestvergütung (siehe Seite 1) von 515 Euro im ersten Lehrjahr vorsieht. Die Idee des Handelskonzerns: Mehr Bewerber anzulocken und diese auch langfristig zu halten. "Im März haben wir den freiwilligen Mindesteinstiegslohn auf 12,50 Euro pro Stunde angehoben. Mit der Erhöhung der Ausbildungsvergütung gehen wir nun den nächsten Schritt", kündigte Jens Urich, Geschäftsleiter Personal bei Lidl Deutschland die Neuerung an.

Aber auch anderorts lassen sich Arbeitgeber neue Wege bei der Nachwuchssuche einfallen: Die Stuttgarter Industrie- und Handelskammer (IHK) organisiert Speed-Datings zwischen Arbeitgebern und potenziellen Lehrlingen. In Hessen hat ein Bündnis unter Führung der IHK sowie der Handwerkskammern im März 2019 eine Rabatt-Karte für Auszubildende ins Leben gerufen. Die "AzubiCard" soll Lehrlingen finanzielle Vergünstigungen bieten und Wertschätzung ausdrücken. In Delbrück nutzen und finanzieren mehrere Mittelständler ein Berufliches Ausbildungsnetzwerk im Gewerbebereich (BANG-Starter-Center). Dort können Interessierte in den Räumen einer früheren Hauptschule eine Berufserlebniswelt mit 160 Berufen zum Anfassen und Mitmachen erleben - sie reicht vom Pflege- bis zum Dachdeckerberuf. Das Besondere dabei: Die umliegenden Unternehmen schicken regelmäßig ihre eigenen Azubis, um den Schülern die Berufe näher zu bringen.

Ausbildung vs. Studium Dass das berufliche Bildungssystem Deutschlands und die duale Ausbildung Vorzeigeobjekte sind, darin sind sich alle einig. Dennoch verliert die Berufsausbildung gegenüber dem Studium zunehmend an Bedeutung. Im Jahr 2018 haben laut dem Statistischen Bundesamt 521.900 Menschen eine Ausbildung aufgenommen, ein Studium begannen im Studienjahr 2018 508.800 Menschen - Tendenz weiter steigend.

Die Liste der Probleme im System ist auch deswegen lang: Mehr Ausbildungsplätze als Bewerber, schlechte Löhne, Abwanderung aus der Fläche, zu wenig Berufsschulen auf dem Land. Dazu kommt, dass das, was Betriebe anbieten, oft nicht viel mit den Wünschen junger Menschen zu tun hat oder sie nicht zu den Stellen passen. Besonders große Probleme dabei, einen Ausbildungsplatz zu finden, haben Hauptschüler. Lag ihre Quote für eine vollqualifizierende Ausbildung 2007 noch bei 52 Prozent, waren es 2017 nur noch 47 Prozent. Und auch Schulabgänger mit ausländischem Pass haben große Schwierigkeiten: Von ihnen findet nur jeder zweite nach dem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz, zeigt der Ländermonitor berufliche Bildung 2019 der Bertelsmann-Stiftung.

Regionale Unterschiede Rund 58.000 Lehrstellen, also mehr als jede zehnte, blieben nach Angaben der Agentur für Arbeit 2018 unbesetzt - allein 17.400 davon im Handwerk. Gleichzeitig fanden rund 24.500 junge Menschen keine Lehrstelle. Bei der Analyse der Gründe fallen zwei Faktoren besonders auf. Zum einen ist da das regionale Gefälle. In Regionen wie Baden-Baden, Sigmaringen oder Coburg in Süddeutschland, aber auch in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland mangelt es an Bewerbern. In Kreisen in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hessen sind es die Lehrstellen, die fehlen. Zugleich fehlen auf dem Land Azubis, denn dort ziehen viele junge Menschen weg. Dort sitzen aber auch die Mittelständler.

Deutlich wird das besonders im Osten Deutschlands. Dort hat sich die Zahl der Auszubildenden seit Mitte der 1990er Jahre mehr als halbiert, Berufsschulen wurden daher geschlossen. Die Folge: Lange Fahrtwege für die noch verbliebenen und zukünftigen Azubis und damit weniger Argumente, doch in der Region zu bleiben. Aber auch bundesweit ist die Zahl der Teilzeit-Berufsschulen zwischen 2006 und 2015 von 1.662 auf 1.552 gesunken, schreibt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Gesellschaftliche Wertschätzung Ein zweiter Faktor ist das Ungleichgewicht zwischen den Branchen: Einige werden von Bewerbern überrannt, andere gemieden. Mangel herrscht vor allem bei Hotels, Gaststätten und in vielen Handwerksbetrieben, aber auch am Bau. "Es sind die Klassiker, wo es schwierig ist: Bäcker, Metzger. Es ist keine Frage der Ausbildung, sondern der Arbeitsbedingungen - das schauen sich Menschen genau an", berichtete Kornelia Haugg, Leiterin der Berufsausbildungsabteilung im Bundesbildungsministerium. Zurückzuführen sei dies auch auf die geringen Aufstiegs- und Qualifikationschancen in diesen Berufen, sagte Haugg. Darauf, dass die gesellschaftliche Wertschätzung für eine berufliche Tätigkeit im Handwerk insgesamt gesunken sei, weist der Zentralverband des Deutschen Handwerks hin. Aber auch in der Konkurrenz zu anderen Ausbildungsberufen hat das Handwerk das Nachsehen. Denn besonders begehrt sind Ausbildungsplätze im Bereich Sport, KfZ, bei Büro- und Verwaltungsberufen sowie in der IT und in medizinischen Berufen.

An welchen Stellen Innovationen und Entwicklungsperspektiven in der beruflichen Aus- und Weiterbildung möglich und nötig sind, damit beschäftigt sich der Bundestag auch weiterhin. Die Enquete-Kommission "Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt" will dazu im Sommer 2021 einen Bericht mit Empfehlungen vorlegen. In der nächsten Sitzungswoche ist zudem eine Debatte geplant.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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