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EDITORIAL
Jörg Biallas
Erfolg auf zwei Säulen

Das deutsche Handwerk steht nicht nur für Jahrhunderte alte Tradition. Die Handwerksordnung definiert auch die Qualitätskriterien der Arbeit und ist so etwas wie ein Verbraucherschutz-Siegel. Sie garantiert dem Kunden ordentliche Arbeit nach den Regeln der Zunft. Wesentlicher Eckpunkt der Handwerksordnung war und ist die Meisterpflicht. Ausschließlich gelernte und geprüfte Profis dürfen einen Betrieb führen und Nachwuchs ausbilden. Dieser Zwang wurde gelockert, um den Arbeitsmarkt zu öffnen. Das hatte zur Folge, dass sich in manchem Gewerk zwei Märkte etabliert haben. Ein Meister-Markt, teurer, dafür aber mit Qualitätsgarantie. Und ein Markt mit preiswerteren Angeboten, ausgeführt auch von un- oder angelernten Kräften.

In zwölf Gewerken soll jetzt auf Initiative der Bundesregierung die Meisterpflicht wieder eingeführt werden. Hintergrund ist zum einen das Bestreben des deutschen Handwerks, Arbeiten nach klar kalkulierbaren, einheitlichen Kriterien anzubieten. Vor allem in sicherheitsrelevanten Gewerken sei es zu gefährlich, semiprofessionelle Arbeit zu akzeptieren, heißt es. Und: Diese Firmen würden oft vom Markt verschwinden, bevor die Gewährleistungsfrist abgelaufen ist. Der Dumme sei dann der Verbraucher, der auf der Regulierung seines Schadens sitzenbleibt.

Dem Kunden ist allerdings auch nicht geholfen, wenn - Meister hin, Meister her - weder hier noch da ein Handwerker zu finden ist. Ohne Frage haben die "freien" Anbieter den Markt entspannt. Es ist also sinnvoll, dass bei Inkrafttreten des geplanten Gesetzes bisher zulassungsfreie Betriebe in die Handwerksrolle eingetragen werden sollen, auch wenn sie keinen Meister vorzuweisen haben. Ohnehin klagen alle Betriebe über dasselbe Problem: Sie finden keine Mitarbeiter. Deshalb passt es gut, dass der Bundestag neben der Handwerksordnung auch über eine verbesserte berufliche Bildung diskutiert hat. Das Handwerk muss für junge Menschen wieder attraktiver werden. Die Überzeugung, einzig eine akademische Laufbahn verheiße berufliche Zufriedenheit, ist ebenso weit verbreitet wie falsch.

Die Meisterpflicht und eine besondere Wertschätzung für die Ausbildung waren schon immer die Säulen, auf denen der Erfolg des deutschen Handwerks ruhte. Politisch ist das in der vergangenen Woche so geballt deutlich geworden wie lange nicht. Gut so.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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