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Aufgekehrt
Claus Peter Kosfeld
Doppelspitze im Trend

In der Politik kann die Spitze nicht immer überzeugen, deswegen geht der Trend in Parteien und Fraktionen zur Doppelspitze: Ist die eine Spitze stumpf, zieht vielleicht die andere. Die Sache hat noch einen anderen Vorteil: Bekämpfen sich die Parteifreunde im Streit um die Pfründe mal wieder bis zum Hörsturz, bekommt einfach jeder "Flügel" seinen Spitzenposten, schon ist Harmonie.

Die Grünen haben als parlamentarische Versuchskaninchen die Doppelspitze in ihrem Repertoire fest verankert, was den Verdacht nährt, die Parteispitzen Baerbock und Habeck könnten sich demnächst die Kanzlerschaft redlich teilen. Auch die SPD ist scharf auf Doppelspitze, was sicher damit zu tun hat, dass niemand den Laden allein auf dem Gewissen haben will, wenn es bei der Bundestagswahl um die Fünf-Prozent-Hürde geht. Bei der CDU ist hingegen alles wie immer: Eine vorne, der Rest in Reihe dahinter. Vorne ist AKK, die es beim Leipziger Parteitag geschafft hat, die Kollegen erst stundenlang anzuöden und sie dann im Dämmerschlaf mit der Alles-oder-Nichts-Frage zu überfallen. Bis die schockgefrosteten Delegierten sich von der Attacke erholt hatten, waren die Mikros abgebaut. Die unfreiwillige Doppelspitze mit Kanzlerin Merkel ist im Grabenkampf freilich schon deutlich eingeknickt.

Charismatische Doppel haben immer fasziniert: Man denke an Ernie und Bert, Bonnie und Clyde oder Siegfried und Roy. Abseits vom Streit war doch stets pure Harmonie. Aber bitte: Alles Anfänger im Vergleich zum Alleinunterhalter Hans Rosenthal. Wenn der im Fernsehen "das war spitze" rief, war die halbe Republik sich einig und tagelang aus dem Häuschen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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