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BILDUNGSBERICHT
Annette Rollmann
Drei Risiken

Erfolg in der Schule hängt weiterhin stark von sozialer Herkunft und Migrationshintergrund ab

Chancengleichheit steht seit langem auf der Agenda von Bildungspolitikern. Realität ist sie hingegen noch lange nicht, kritisierten viele Redner in der Debatte über den Nationalen Bildungsbericht (19/6930) am vergangenen Freitag im Bundestag. Auch die Autoren des von Bund und Ländern geförderten Berichts, der alle zwei Jahre Stand und Entwicklungsperspektiven des Bildungssystems darstellt, hatten diesen Punkt thematisiert.

Der von unabhängigen Wissenschaftlern erstellte Bericht betont, dass die ausreichende Versorgung in ländlichen sowie strukturschwachen Regionen zukünftig noch mehr in den Vordergrund rücken werde. Daneben hänge der Bildungserfolg stark von der sozialen Herkunft und vom Migrationshintergrund gibt. Auch die Integration der nach Deutschland Neuzugewanderten stelle das Bildungssystem vor große Herausforderungen. Jeder vierte Minderjährige wachse nach wie vor unter einer von drei bildungsbezogenen Risikolagen auf. Dazu gehören Haushalte mit erwerbslosen oder formal gering qualifizierten Eltern, ein Migrationshintergrund oder Haushalte von Alleinerziehenden.

Kinder aus Haushalten mit hohem Bildungsstand besuchen häufiger allgemeinbildende Schulen (76 Prozent), die zu einer Hochschulreife führen, als Kinder aus Haushalten mit niedrigerem Bildungsstand (54 Prozent). Auch besuchen 16- bis unter 30-Jährige mit Migrationshintergrund seltener eine Hochschule (15 Prozent) als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund (18 Prozent). Diese Tatsache kritisiert auch die FDP in ihrem Antrag (19/7031) und bemängelt, dass das Zehn-Prozent-Ziel für Ausgaben in Bildung, Wissenschaft und Forschung erneut nicht erreicht worden sei. Nicola Beer (FDP) bezeichnete die Erkenntnisse des Bundesbildungsberichts als "alarmierend": "Unser Bildungssystem reproduziert soziale Ungerechtigkeit anstatt sie abzubauen. Damit verzichten wir auf das Potential von unglaublich vielen Mädchen und Jungs." Bildung müsse endlich erste Priorität bei den Investitionen haben.

Für die Unionsfraktion betonte Dietlind Tiemann (CDU): "Soziale Herkunft und Lebensort haben noch immer einen zu großen Einfluss auf den Bildungserfolg von Kindern." In einem gemeinsamen Antrag fordern die CDU/CSU- und die SPD-Fraktion (19/7027), dass die Bundesregierung im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel ein Konzept für die Förderung von Schulen in benachteiligten sozialen Lagen und mit besonderen Aufgaben der Integration entwickeln soll.

Oliver Kaczmarek (SPD) betonte, dass der Ausbaubedarf in der frühkindlichen Bildung ungebrochen sei. "Wenn wir nicht akzeptieren wollen, dass Geburt und Herkunft weiter für den Bildungserfolge von Kindern entscheiden, dann müssen wir genau dort investieren." Das Gute-Kita-Gesetz habe bereits den richtigen Impuls gesetzt.

Lehrermangel Um ein qualitativ hochwertiges Bildungsangebot zu gewährleisten, bedarf es nach Ansicht der Autoren des Bildungsberichts in erster Linie eines gut qualifizierten Personals. Der Fort- und Weiterbildung komme dabei eine zentrale Bedeutung zu. Allerdings habe sich der Altersdurchschnitt der Lehrer erhöht. Zudem sei die Personalsituation in einer Reihe von Ländern angespannt. Das werde auch an den Neueinstellungen sichtbar: Der Lehrkräftebedarf würde zunehmend durch Seiteneinsteiger gedeckt, das heißt Personen ohne grundständige Lehramtsausbildung. Ihr Anteil an allen neu eingestellten Lehrern habe sich zwischen 2006 und 2016 von 2,9 auf 8,4 Prozent fast verdreifacht.

Auch die AfD bemängelt in ihrem Antrag (19/7041) die Situation des Lehrermangels und befürchtet "Generationen pädagogisch schlechter betreuter und fachlich schlechter ausgebildeter Kinder". Zudem fordert die AfD, dass zur Abwendung "der sich aufgrund der verstärkten Zuwanderung abzeichnenden Bildungskatastrophe" künftig bei der Migrationssteuerung der Bildungsstand und die Bildungsfähigkeit als Entscheidungskriterien eingeführt werden müssen. Es sei empirisch belegt, dass insbesondere Schüler aus der Türkei, arabischen und afrikanischen Staaten einer intensiven pädagogischen Betreuung bedürften und trotzdem die von ihnen erzielten Bildungserfolge deutlich hinter denen von deutschen Schülern oder von Schülern aus der EU und asiatischen Ländern zurückblieben. Grundsätzlich macht sich die AfD für den Leistungsgedanken in der Bildung stark und fordert Eingangstests und NC an Hochschulen. "Wenn alle Abitur haben dann hat keiner mehr Abitur", sagte Götz Frömming (AfD).

Trend zur Höherqualifizierung Laut dem Bildungsbericht ist in Deutschland trotzdem eine weiter steigende Bildungsbeteiligung zu verzeichnen. Dass sich die Zahl der Bildungsteilnehmer im Jahr 2016 auf 17,1 Millionen Personen erhöht hat, geht nach Aussage der Autoren nicht nur auf die steigenden Geburtenzahlen und vermehrte Zuzüge aus dem Ausland zurück, sondern auch auf eine immer frühere Bildungsbeteiligung sowie den Trend zur Höherqualifizierung. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte, Deutschland habe bei den Themen Bildung und Chancengerechtigkeit viele Erfolge aufzuzeigen. Immer mehr Menschen würden nach besserer Bildung streben, immer mehr Auszubildende würden von den Unternehmen übernommen. Bund und Länder hätten die Investitionen in den letzten Jahren weiter gesteigert.

Eine bundesweite Bildungsstrategie zum Abbau von Ungleichheit fordert die Linksfraktion in ihrem Antrag (19/7026). Sie soll mit den Ländern und Kommunen, der Wissenschaft, Arbeitgebern und Gewerkschaften erarbeitet werden. Birke Bull-Bischoff (Linke) kritisierte: "Deutschland ist kein Bildungsland. Jedenfalls nicht wenn man sich die Realitäten anguckt, jedenfalls nicht wenn man den internationalen Vergleich sieht, jedenfalls nicht, gemessen an dem was nötig und möglich wäre."

Auch die Grünen fordern die Regierung in einem Antrag (19/4632) auf, die Empfehlungen des Berichts für mehr Bildungsgerechtigkeit gemeinsam mit den Ländern unverzüglich umzusetzen. Margit Stumpp (Grüne) sagte: "Im Bildungsbereich brennt die Hütte."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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