Inhalt

Ortstermin: Lesung in der Bundestagsbibliothek zur Treuhand
Winfried Dolderer
Im Lichte der Fakten

Vielleicht ist Dankbarkeit nicht das erste, was ein Autor für sein Werk erwartet. Vergangene Woche ist es das erste, das Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) in den Sinn kommt. "Vielen Dank dafür, dass Sie das Buch geschrieben haben", sagt er. Es sei wichtig, "Fakten zu vermitteln", denn in Legenden liege "ein ungeheures Spaltpotential für die politische Wirklichkeit in der Bundesrepublik". Die Rede ist von dem Bild, das die einst mit der Privatisierung der DDR-Betriebe betraute Treuhandanstalt im populären Geschichtsverständnis hinterlassen hat. Bekanntlich soll sie schuld sein an allem, was in den östlichen Bundesländern noch immer schief läuft.

Auf der obersten Ebene im Lesesaal der Berliner Bundestagsbibliothek sitzen die Besucher an halbkreisförmig angeordneten Arbeitstischen. Der Blick aus dieser Höhe durch die Glasfront auf die Spree müsste spektakulär sein, wäre es nicht ein Dezemberabend und längst dunkel. Am Referententisch findet sich der ehemalige SPIEGEL-Redakteur Norbert Pötzl eingerahmt von Schäuble und von Richard Schröder, dem früheren Theologieprofessor, Bürgerrechtler und SPD-Fraktionschef in der DDR-Volkskammer von 1990. Aus den Regalen an der Wand schauen in langen Reihen Handbücher, Nachschlagewerke, Lexika.

Pötzl hat zwei Jahre im Bundesarchiv mit Akten der Treuhand verbracht und ein Buch vorgelegt, das er selbst als Beitrag zur "Versachlichung der Diskussion", als Ansatz, "die Debatte im Lichte der Fakten nüchterner zu führen", verstanden wissen möchte.

Drei Anlässe hätten im Herbst 2017 sein Interesse auf das Thema gelenkt: Der Einzug der AfD, deren Hochburgen in Ostdeutschland liegen, in den Bundestag. Eine Studie, aus der hervorging, dass die Treuhand bis heute als "zentrales Negativsymbol einer umfassenden, geradezu schockartigen Überwältigung des Ostens durch den Westen" wahrgenommen werde. Und schließlich die vorzeitige Öffnung der Treuhandakten für die Forschung.

Es mag Fehler gegeben haben, Willkür sicherlich nicht, so lautet Pötzls Kernbefund. Warum sonst hätte die Treuhand in acht Monaten, seit Juli 1990, notleidenden Ostbetrieben 28 Milliarden Mark an Liquiditätskrediten überweisen sollen, wenn ihr von vornherein nur daran gelegen war, die Wirtschaft der ehemaligen DDR plattzumachen? Pötzl rechnet vor: Von zuletzt rund 12.000 Betrieben unter Treuhand-Verwaltung seien etwa 3.700 abgewickelt worden, eine Quote von 30,6 Prozent. Der letzte SED-Ministerpräsident, Hans Modrow selbst, habe 27 Prozent der Unternehmen für "konkursreif" erklärt.

"Ich finde es sehr wichtig, die Treuhand vom Odium des einzigen Übeltäters zu befreien", sagte auch Richard Schröder. Er nannte drei Faktoren, die ganz unabhängig vom Wirken der umstrittenen Anstalt den Ruin der DDR-Wirtschaft verursacht hätten. Den unverhofften Wegfall der Grenze zum Westen, die deutsche Währungsunion und den Wandel der Handelbeziehungen im einstigen Ostblock. Ob es denn in anderen ehemals sozialistischen Ländern so viel besser gelaufen sei, wo sich Oligarchen das Volksvermögen unter den Nagel gerissen hätten, fragte Schröder. Womöglich habe die Treuhand die Ostdeutschen ja vor dem Treiben von "Milliardären mit krimineller Energie" bewahrt.Winfried Dolderer

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag