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FALL AMRI
Claus Peter Kosfeld
Personalnot und Pannen

Untersuchungsausschuss hört Zeugen aus dem Berliner Landeskriminalamt

Der Abend vor drei Jahren hat sich dem Zeugen ins Gedächtnis eingebrannt: "Ich war wie erstarrt und habe mir die Frage gestellt: Was ist falsch gelaufen? Ich will nicht verhehlen, dass ich in dem Moment persönliche Verantwortung gespürt habe." Dass ein Mann, den er als Straftäter und Gefährder kannte, mit einem Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt gerast war, rechnete sich der Polizeioberrat Youssef E.-S. auch als eigenes Versagen an.

Der heute 45-Jährige war von Dezember 2012 bis Juli 2016 im Berliner Landeskriminalamt (LKA) Vizechef des für radikalislamischen Terrorismus zuständigen Dezernats LKA 54, wo er zugleich die Auswertungsgruppe leitete. Der Name des späteren Breitscheidplatz-Attentäters Anis Amri kam ihm, wie er vergangene Woche dem 1. Untersuchungsausschuss berichtete, erstmals Anfang Januar 2016 aus Nordrhein-Westfalen zu Ohren. Seit dem 18. Februar hatte er dann öfters mit dem Mann zu tun.

Ominöses Datum Dieser 18. Februar 2016 ist ein ominöses Datum in der Vorgeschichte des Anschlags auf dem Breitscheidplatz, zugleich Anlass einer nachhaltigen Verstimmung zwischen zwei Landeskriminalämtern. Am Morgen erreichte die Berliner eine telefonische Mitteilung aus Düsseldorf, dass Amri auf dem Weg in die Hauptstadt sei, verbunden mit der Bitte, ihn dort im Auge zu behalten.

Auf die Schnelle habe sich aber keine Observationseinheit auftreiben lassen. Aus Sorge, den als Gefährder markierten Amri im Weltstadtdschungel aus dem Blick zu verlieren, sei deshalb beschlossen worden, ihn notfalls bei der Ankunft auf dem Busbahnhof aufzugreifen und zu kontrollieren. Dies sei um 12.05 Uhr geschehen. Um 12.52 Uhr sei ein weiterer Anruf aus Düsseldorf gekommen mit der Bitte, um Himmelswillen nicht an Amri heranzutreten: "Ich konnte nur noch mitteilen: Ist bereits passiert."

Mitte November hatte der Ausschuss einen Kriminalhauptkommissar aus dem Düsseldorfer LKA gehört, der mit den Berliner Kollegen recht ungnädig ins Gericht gegangen war und auch die Panne auf dem Busbahnhof erwähnt hatte. Die Düsseldorfer fürchteten um die Sicherheit eines V-Mannes, dem Amri als einzigem von seinem Reiseplan erzählt hatte. Im Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrum (GTAZ) der deutschen Sicherheitsbehörden war zudem am Vortag, dem 17. Februar, sehr klar verabredet worden, Amri verdeckt zu beschatten. Ein Vertreter des Berliner LKA war anwesend, gab die Information aber offenbar nicht weiter.

Personalnot und Kommunikationspannen - wie ein Brennglas bündelt der Vorfall vom 18. Februar 2016 die Probleme der Behörden im Umgang mit dem späteren Attentäter. In seinem damaligen Zuständigkeitsbereich, klagte E.-S., habe sich das Arbeitsaufkommen zwischen 2011 und 2016 mehr als verdreifacht, am Personalbestand aber nichts verändert: "Ich habe immer gesagt: Kümmert euch nicht, wir machen draußen die Arbeit." Nach dem Anschlag habe er einsehen müssen: "Anscheinend nicht gut genug."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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