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Aschot Manutscharjan
Kurz Rezensiert

"Um Zugang zu erhalten zu den nur für Mitglieder offenen Kanälen, schick ein Foto von deiner Hand oder deinem Handgelenk", lautet die Anweisung des Administrators. Der Neuling muss die Forderung erfüllen, wenn er in die Diskussionsgruppe einsteigen will, die sich mit "Rassenfragen, Volkstum und Spiritualität" beschäftigt. Das erste Hindernis ist schnell beseitigt: Die Nutzerin kann ihre "weiße Abstammung" nachweisen. Der eher journalistische Einstieg in ein wissenschaftliches Buch macht deutlich: Julia Ebner betreibt "Feldforschung".

Die am Londoner "Institute for Strategic Dialogue" forschende Österreicherin, die sich bereits mit ihrem Buch "Wut: was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen" einen Namen gemacht hat, wollte nachvollziehen, wie Extremisten ihre Anhänger im Netz rekrutieren und mobilisieren. Sie legte sich fünf Tarn-Identitäten zu und meldete sich bei mehreren extremistischen Plattformen an: bei Islamisten und Dschihadisten, europäischen Rechtsradikalen, weißen Nationalisten, Verschwörungstheoretikern, radikalen Frauenfeinden und Hackern. Zwei Jahre lang bewegte sich Julia Ebner in Echo-Kammern, die nur vertrauenswürdigen Chat-Mitgliedern offenstehen. Interessant ist nicht nur, wie die Anführer der Extremisten argumentieren, sondern vor allem, wie sie ihre Desinformationskampagnen steuern und ihre Einschüchterungsfeldzüge koordinieren. Ebner betont, dass alle diese Gruppen ähnlich funktionieren: "Ihre Anführer generieren geschützte soziale Blasen, in denen sie zu antisozialem Verhalten im Rest der Welt aufrufen."

Nach Schätzungen spielen die sozialen Medien in 90 Prozent aller Radikalisierungen eine Rolle. Vor diesem Hintergrund bedeuten die Recherchen von Julia Ebner einen Meilenstein. Der Terrorakt von Halle am 9. Oktober 2019 bestätigt, dass die Ebner an der richtigen Stelle forscht. Der Täter hatte sich im Internet radikalisiert.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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