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BERUFLICHE BILDUNG
Lisa Brüßler
Gewinner und Verlierer in der Welt von morgen

Enquete-Kommission berät über Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt

Laut Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ist der Einsatz von Robotern zwischen 1994 und 2014 von zwei Robotern pro Beschäftigten auf acht angestiegen - dies jedoch ohne negative Beschäftigungseffekte. Wie diesen durch die Digitalisierung in der Arbeitswelt angetriebenen Umbrüchen begegnet werden kann, damit beschäftigte sich die Enquete-Kommission "Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt" vergangene Woche in einem öffentlichen Fachgespräch.

Konservativen Schätzungen zufolge sollen bis ins Jahr 2035 vier Millionen Arbeitsplätze wegfallen und 3,3 Millionen neue Stellen entstehen. "Verluste an Arbeitsplätzen sind in den letzten fünf Jahren im Bankensektor und in der metallverarbeitenden Industrie festzustellen, Gewinne gab es bei Helfertätigkeiten in der Lagerwirtschaft und bei Fachkräften in der Kinderbetreuung", sagte Britta Matthes vom IAB. Sie berichtete, dass fast 50 Prozent der Betriebe digitale Technologien nutzen, sich die kleineren Betriebe jedoch häufig weniger stark mit diesen auseinandergesetzt hätten. Vor allem mit Blick auf die Ausbildung sei zu befürchten, dass im Hinblick auf digitales Wissen ein Auseinanderdriften zwischen den Auszubildenden stattfinden könne, wenn die Berufsschulen nicht zu einem zentralen Ort der Wissensvermittlung würden. Überbetriebliche Ausbildungseinrichtungen böten jedoch Chancen für einen überregionalen und branchenübergreifenden Dialog und Wissenstransfer, sagte Matthes.

Regionale Unterschiede Dirk Werner vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW) verwies auf große Unterschiede in den Branchen und Berufsgruppen, insbesondere was den Aufbau von Beschäftigung angehe: In der Digitalisierung komme man deshalb nicht weiter, weil es einen gravierenden Fachkräfteengpass gebe, berichtete er. "Wir haben eine Engpassquote entwickelt, die gezeigt hat, dass die Realitäten regional sehr heterogen sind", sagte Werner. Mehr als 85 Prozent der Stellen in Baden-Württemberg würden demnach in Engpassberufen ausgeschrieben, in Berlin sei es etwa die Hälfte. "Die beruflich Qualifizierten sind der größte Engpass am Arbeitsmarkt, gefolgt von den Spezialisten und dann erst kommen die Akademiker", betonte Werner. In Engpassberufen seien die Ausbildungsangebote zwar gestiegen, allerdings seien das nicht die Angebote, die auch verstärkt von jungen Menschen nachgefragt würden. Insgesamt werte er die Digitalisierung aber als starken Treiber für die Weiterbildung, sagte Werner: "Wir sehen, dass sich zwei Drittel der Unternehmen mit Digitalisierung in der Ausbildung beschäftigen, ein Drittel jedoch nicht. Das ist ein vergleichsweise hoher Wert", berichtete er und verwies darauf, kleinere Unternehmen nicht mit Ausbildungsordnungen abzuhängen, die sie nicht umsetzen könnten.

Anreicherung von Tätigkeiten Sabine Pfeiffer vom Lehrstuhl für Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) plädierte dafür, mehr über die Gestaltung der Digitalisierung und weniger über Prognosen von Beschäftigungseffekten zu reden. "Für validere Aussagen ist eine andere Forschung nötig und dafür müssten die Ressourcen der Beschäftigten noch stärker genutzt werden", betonte sie. Man gehe derzeit von einer disruptiveren Entwicklung aus als in den vergangenen Jahrzehnten. Bisherige Digitalisierungs-Schübe hätten allerdings begrenzt gewirkt und die zeitlichen Effekten seien nicht bekannt, sagte die Soziologin. "Plausibel ist lediglich, dass Technik selten eins zu eins Berufe und Tätigkeiten ersetzt", so Pfeiffer. Eine Reorganisation sowie eine additive Anreicherung von Tätigkeiten seien hingegen wahrscheinlich.

Den medialen Diskurs mit der Zuschreibung, dass Beschäftigte oft Angst vor dem technologischen Wandel hätten, könne sie in ihrer Empirie nicht bestätigen: "Ich würde es eher Skepsis nennen, weil die Beschäftigten oftmals nicht gefragt und einbezogen werden", berichtete Pfeiffer. Insgesamt werte sie das Berufsbildungssystem aber als Garant für die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Verbesserungsbedarf bestehe vor allem in der Ausstattung der Berufsschulen, im Prüfungswesen, bei der Annahme von Fortbildungen in der Praxis und bei der Durchlässigkeit des Systems.

Die Enquete-Kommission wurde im Juni 2018 eingesetzt und soll bis Mitte 2021 eine Strategie für die Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung formulieren. Diese soll aufzeigen, wie die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung in Zeiten des digitalen Wandels von Berufsbildern gestärkt werden kann.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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