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Aufgekehrt
Alexander Heinrich
Strom kommt aus der Dose

Mit Blitzlicht, Rotlicht und Blaulicht kann man den Leser hinter dem Ofen hervorlocken. Seit vergangene Woche im Berliner Stadtteil Köpenick für 31 Stunden der Strom ausblieb, wissen wir: Gar kein Licht geht im Zweifel auch. Von den Berliner Blättern bis zu "Bild" und "Spiegel Online" rückte Köpenick in den Fokus von Livetickern, Bilderstrecken, Live-Schalten. Survival-Experten wurden befragt, der Katastrophenschutz zum Interview gebeten. In das finstre Herz des Geschehens, das nachtschwarz im energetischen und digitalen Off so episch daliegende Köpenick sprach sich die Aufregung nicht herum. Wie immer standen die Graureiher am Spreeufer Spalier, am Kuhwall aßen die Prepper im Schein der Öllampe Dosenfleisch mit Klappbesteck und in der Kämmereiheide sagten sich Fuchs und Hase, nun ja, "jute Nacht".

Im Rathaus aber stand einer unter Strom. Als Nachfolger von Jacza von Köpenick und Albrecht dem Bären haben die Köpenicker einen Bezirksbürgermeister namens Oliver Igel ausersehen, was klug ist, weil Igel wissen, wie der Hase läuft. Und Igel sprach: "Ich bin schon hier." Eine ganze Nacht lang informierte er über die Lage, holte Hilfe heran und forderte die Köpenicker dazu auf, nach den Nachbarn zu schauen. Und als nach langen Stunden die Lichter wieder angeknipst wurden, da ging Igel ein Licht auf: Zum Mond könne die Menschheit fliegen, sagte der Bürgermeister. Da dürfe man auch erwarten, dass Bauarbeiter nicht einfach blind in der Erde bohren und ganzen Stadtteilen den Saft abdrehen. Der Berliner Senat hat übrigens schon erste Konsequenzen aus dem Blackout gezogen: Im Senatsreservespeicher lagern jetzt vorsorglich 20.000 Eimer - bis zum Rand gefüllt mit Tageslicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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