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Ortstermin: parlamentshistorische Ausstellung
Wilfried Dolderer
Im Dom der Demokratie

Dass sein Arbeitsplatz in der "weitaus schönsten" und obendrein "exotischsten" Liegenschaft des Deutschen Bundestages untergebracht ist, steht für Andreas Baasner außer Frage. Wer hat einen 90 Meter hohen Turm? Den Blick auf den Gendarmenmarkt? Und wer verbringt schon seine Tage unter einem Dach mit so bemerkenswerten Exponaten wie der schwarz-rot-goldenen Fahne aus dem Jahr 1832 oder dem Häkeldeckchen von der Hand Katrin Göring-Eckardts, der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin? Ganz zu schweigen von der monumentalen Gipsklaue des Bundesadlers aus dem alten Bonner Plenarsaal.

Bei der Traumimmobilie handelt es sich um den Deutschen Dom am Berliner Gendarmenmarkt, wo Baasner mit vier weiteren Kollegen die Dauerausstellung "Wege - Irrwege - Umwege" des Bundestages zur Geschichte des Parlamentarismus in Deutschland organisatorisch betreut. Im vorigen Jahr zählte sie 325.000 Interessierte, womit sie innerhalb der Berliner Museumsszene, meint Baasner, "sehr gut besucht" sei, bedenke man zumal die "Sperrigkeit des Themas".

Das Angebot ist kostenlos. Man kann sich einzeln oder in Gruppen durch die Ausstellung führen lassen. In einem Miniatur-Plenarsaal mit insgesamt 50 Teilnehmern eine Bundestagssitzung simulieren. In Schülerprojekten, für die bis zu drei Stunden vorgesehen sind, mit einem Fragebogen als Leitfaden Themen aus Geschichte oder Praxis des Parlamentarismus selbsttätig erarbeiten. "Das Feuer in den Menschen anzuzünden, dass sie brennend für die parlamentarische Demokratie das Haus verlassen", das ist für Baasner der Bildungsauftrag der Ausstellung.

Der Deutsche Dom geht auf eine 1708 fertiggestellte Kirche zurück, die von 1780 an um einen monumental aufragenden, auf drei Seiten von Säulengiebeln umstellten Kuppelbau erweitert wurde. Im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt, lag die Ruine vier Jahrzehnte lang von Wildwuchs überwuchert, bis die DDR-Behörden in der Endzeit ihres Staates beschlossen, sie in eine Kunsthalle umzuwandeln. Auf fünf Ebenen dokumentieren heute zumeist Schautafeln die Wege, Irrwege und Umwege aus rund zwei Jahrhunderten. Hambacher Fest, Frankfurter Paulskirche, Kaiserreich und Weimarer Republik, NS-Diktatur, den "Scheinparlamentarismus" der DDR und nicht zuletzt das Grundgesetz.

Mittlerweile hat die Ausstellung selbst eine wechselvolle Vergangenheit: Eröffnet 1971 unter dem Titel "Fragen an die deutsche Geschichte" im wiederaufgebauten Reichstagsgebäude, war sie in Teilen seit 1996 vier Jahre im Deutschen Dom zu sehen. Dann wurde sie gründlich überarbeitet und 2002 in der heutigen Gestalt wiedereröffnet. Bleiben soll es dabei aber nicht. Weniger belehrende Schautafeln, mehr interaktive Angebote, die Besucher reizen sollen, sich selber kundig zu machen, so lauten die Wünsche der Verantwortlichen für eine Neukonzeption.

"Wir erklären an sechs Tagen in der Woche von morgens bis abends, wie der Bundestag funktioniert", sagt Baasner. Und zitiert einen 16-jährigen Teilnehmer eines Schülerprojekts, bei dem das Bemühen erkennbar Früchte getragen hat: "Es ist ja sehr kompliziert, aber ich gehe jetzt hier heraus und interessiere mich dafür, denn es lohnt sich."Wilfried Dolderer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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