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Susanne Kailitz
Blockaden und Bedenken

Digitale Anwendungen bieten Chancen für Ärzte und Patienten, werden aber noch zu wenig genutzt

Während ihres Praktikums in einem dänischen Krankenhaus konnte sich Tabea Baur schon mit ihren Patienten vertraut machen, bevor sie diese zum ersten Mal sah. Möglich machte das die elektronische Patientenakte, die in Dänemark inzwischen etwas ganz Normales ist. Auf einem Onlineportal sind die Behandlungsdaten vieler Bürger gespeichert; sie können jederzeit, so wie auch Ärzte und medizinisches Personal, auf ihre Behandlungsdaten zugreifen. In bestimmten Regionen Dänemarks nutzen rund 80 Prozent der Bürger diese Möglichkeit, online ihre Blutwerte und Medikationspläne abzurufen. Noch größer ist die Verbreitung elektronischer Überweisungen oder Rezepte. Damit gehört Dänemark international zu den Spitzenreitern bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen. "Damit kann man sich natürlich sehr gut vorbereiten", sagt die Homburger Medizinstudentin Baur, "das war ziemlich praktisch."

Von solchen Möglichkeiten sind Patienten und Ärzte in Deutschland noch weit entfernt. Der digitale Fortschritt kommt hierzulande ausgesprochen stockend in den Praxen und Krankenhäusern an. Die Bertelsmann-Stiftung, die dazu im vergangenen Jahr eine große Studie vorgelegt hat, sieht Deutschland in einem internationalen Vergleich von 17 Staaten bei der Digitalisierung nur auf dem vorletzten Platz. In Deutschland werde noch an den "Grundlagen digitaler Vernetzung" gearbeitet, kritisierte Stiftungsvorstand Brigitte Mohn bei der Präsentation der Studie - während etwa Mediziner in Israel bei der Früherkennung von Krebserkrankungen systematisch auf künstliche Intelligenz setzten.

Keine definierten Ziele Es fehle, sagt der Projektmanager der Stiftung, Thomas Kostera, "ein Leitbild, wo man überhaupt hinwill mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen." Es gebe keine übergeordnete politische Strategie. Digitalisierung sei kein Selbstzweck, idealerweise solle es eine "demokratisch legitimierte Entscheidung darüber geben, die die gesundheitspolitischen Ziele definiert. Das könnte der bessere Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen sein, der systematische Austausch von Patientendaten wie etwa Laborergebnissen zwischen ambulanten und stationären Versorgern oder die Bereitstellung von Informationen über eine elektronische Patientenakte".

Zwar habe man in Deutschland vor Jahren entschieden, im Gesundheitswesen die Digitalisierung voranzutreiben, die Umsetzung aber an die Selbstverwaltung delegiert. Dieses System ist eine deutsche Besonderheit. Während in anderen Ländern der Staat die Gesundheitsversorgung gewährleistet und Behörden die medizinische Versorgung regeln, sind in Deutschland nur die Rahmenbedingungen gesetzlich vorgegeben. Versicherte, Beitragszahler und Leistungserbringer sind in Verbänden organisiert, die die medizinische Versorgung der Bevölkerung in eigener Verantwortung übernehmen. Die Akteure der Selbstverwaltung hätten sich immer wieder "gegenseitig blockiert", sagt Kostera, deshalb sei es nicht vorangegangen.

Blockade mit Sytem Noch deutlicher wird der Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin, Markus Müschenich, und nennt drei Gründe, warum es mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen hakt. Zum einen gebe es eine "Systemarroganz": "Die ganze Welt hat uns jahrelang erzählt, unser Gesundheitssystem gehöre zu den allerbesten. Deshalb gibt es bei den Beteiligten kaum Veränderungsbereitschaft." Zum zweiten teile sich die Welt beim Thema Digitalisierung in zwei Lager, einige sähen darin eine Chance, andere hätten Angst davor. "Letztere überwiegen." Zum dritten hätten sich die "Player der Selbstverwaltung" mit der Macht, die ihnen vom Staat eingeräumt worden sei, "wunderbar eingerichtet". Das Bundesgesundheitsministerium habe Anfang der 2000er-Jahre den Aufbau einer Telematikinfrastruktur gewollt, dies sei von der Selbstverwaltung blockiert worden. Dort allerdings gibt man den schwarzen Peter weiter: Die Industrie sei schuld, weil sie Geräte und Software nicht rechtzeitig liefere. Die Selbstverwaltung sei "kein Bremser", teilte etwa die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit.

Große Möglichkeiten Dabei sehen Fachleute wie Müschenich immense Vorteile in der Digitalisierung. Zum einen, sagt der Facharzt für Kinderheilkunde und Gründer des Think Tanks Flying Health, vergrößere sich damit das verfügbare Wissen unermesslich. Es gebe Diabetes-Managementsysteme, die Daten von Millionen Patienten sammeln. "Da finden Sie jede Problematik und jede Komplikation, die im Zusammenhang mit der Krankheit auftreten kann - so etwas kann kein einzelner Arzt leisten." Zudem hätten Patienten über elektronische Lösungen die Möglichkeit, sich jederzeit Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen zu verschaffen. Es gebe Apps, die bei Herzrhythmusstörungen bei der Entscheidung helfen könnten, ob man ein Krankenhaus aufsuchen müsse. Zum dritten könnte man wiederkehrende Leistungen ganz einfach digital abbilden, etwa bei Routinekontrollen, banalen Erkrankungen oder der Vergabe von regelmäßig ausgestellten Rezepten. "Das ist denkbar bei etwa einem Drittel der rund eine Milliarde Arztkontakte, die wir in Deutschland jährlich verzeichnen. Das würde die Praxen leerer machen und den Ärzten Zeit geben, sich auf die Patienten zu konzentrieren, die das wirklich nötig haben."

Christian Schmidt, ärztlicher Vorstand der Uniklinik Rostock, sieht in der Digitalisierung auch eine Chance für die Grundversorgung insbesondere in ländlichen Regionen. Er setzt sich für die Vernetzung von Kliniken, Haus- und Fachärzten bei der Versorgung von Herzpatienten ein. Die Patienten bekommen elektronische Geräte, über die Daten von sogenannten Care-Centern analysiert werden. "Wenn es dann Abweichungen von der Norm gibt, etwa dass der Blutdruck trotz Medikation steigt oder bestimmte Herzrhythmusstörungen häufiger auftreten, rufen die Mitarbeiter bei den Patienten an und lotsen sie zu den Ärzten, die in der Situation am besten helfen können." Dies sei in einem so schwach besiedelten Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern, in dem die Erreichbarkeit von Ärzten für immer mehr Menschen zu einem Problem werde, ein großer Vorteil. Auch in seiner Klinik setzt Schmidt auf E-Health. Patientenakten werden in einem elektronischen Archiv gespeichert, in einem Informationssystem werden schon bei der Visite Befunde elektronisch erfasst - und alle Fachbereiche können darauf zugreifen. Das erleichtere den Informationsfluss und erlaube standardisierte Abläufe im Klinikalltag und erhöhe so letztlich die Versorgungsqualität. Gleichzeitig sei eine "elektronische Nachverfolgung" der Patienten möglich. Die könnten etwa über Online-Chats Daten liefern und den Ärzten so Schlüsse ermöglichen, ob die Therapien anschlügen.

Sorge um Datenschutz Davon seien aber nicht alle Beteiligten leicht zu überzeugen, räumt Schmidt ein: "Sie dürfen nicht glauben, dass da alle Hurra schreien." Die Umstellung auf E-Health falle vielen Kollegen schwer, längst nicht alle Praxen seien elektronisch vernetzt. "Da gibt es noch welche, die arbeiten mit Papierkarteien." Der größte Blockierer sei die Sorge um den Datenschutz. "Da gibt es ganz irrationale Bedenken." Immer wenn er sich mit Kollegen aus den USA unterhalte, ärgere er sich über die Bedenken hierzulande: "Dort werden Produkte entwickelt, anhand einer Liste geprüft und dann gibt es das Ok der Behörden." In Deutschland dagegen gebe es eine wahre Datenschutzhysterie.

Dennoch, langsam tut sich etwas. Viele Kliniken haben bereits E-Health-Lösungen für sich gefunden, Modellprojekte wie der Ausbau der telemedizinischen Netzwerke in Bayern für eine bessere Versorgung von Schlaganfallpatienten zeigen gute Resultate. In Hamburg testet die Techniker Krankenkasse das elektronische Rezept. Patienten erhalten dort in ihrer Arztpraxis einen QR-Code in einer APP auf ihr Smartphone, der in der Apotheke eingescannt wird. Das werde den Alltag der Versicherten erleichtern, heißt es von der Krankenkasse.

Doch bisher sind die guten Beispiele nicht Bestandteil einer landesweit gesteuerten Entwicklung - und es entstehen Insellösungen, etwa bei der genutzten Software. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat bereits angekündigt, die Digitalisierung zu einem Kernthema zu machen. Es sei "inakzeptabel", dass etwa die Entwicklung der Gesundheitskarte, über die Ärzte und Patienten Daten austauschen können, seit Jahren stocke. Man dürfe nicht den großen Konzernen wie Google oder Apple die Gestaltung der Digitalisierung überlassen. Die Akteure im Gesundheitswesen müssten schnell handeln. Es müsse "cool werden, dabei zu sein."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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