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VOR 100 Jahren
Heinz Verfürth
Europas Implosion

Die Pariser Friedenskonferenz schuf keine Stabilität und Sicherheit in Europa. Droht eine Neuauflage?

Wenn Kaiser Franz Joseph sich von Wien aus an seine Untertanen wendete, nutzte er stets die gravitätische Anrede "Meine Völker!" Eine treffliche Chiffre. Denn der Monarch herrschte fast ein Leben lang, nämlich 68 Jahre, über einen Vielvölkerstaat ohnegleichen. Deutsche und Ungarn im Kern, aber auch Polen, Tschechen, Slowaken, Ukrainer, Litauer, Kroaten, Serben, Italiener gehörten dazu, ohne weitere kleinere Ethnien zu nennen. Als greiser Regent fast zum Mythos geworden, vermochte er die zunehmenden völkisch-nationalen Spannungen in seinem Riesenreich von der Ostsee bis zur Adria einigermaßen zu bündeln, eben als Symbol der Einheit. Doch die Habsburgermonarchie überdauerte den Herrscher nach dessen Tod 1916 gerade zwei Jahre. Im November 1918 brach die alte k.u.k.-Herrlichkeit in viele Teile auseinander.

Allerdings machte das Ende des Ersten Weltkriegs mit anderen feudalen Strukturen in Europa ebenfalls radikal Remedur. Das Osmanische Reich, mit seinen weit ausufernden Territorien auf dem Balkan und in der nahöstlich-arabischen Region, erlebte einen erschöpften Kollaps. Das wilhelminische Deutsche Reich ging unter in den militärischen Niederlagen an der Front und den revolutionären Demonstrationen auf deutschen Straßen, vor allem in Berlin. Im russischen Zarenreich hatte der Umbruch schon im Februar 1917 mit Meutereien und Massenprotesten begonnen, die schließlich im Oktober in die Revolution der Bolschewiki unter Wladimir Iljitsch Lenin mündeten. Diese vier Großimperien, die über ein Jahrhundert, nämlich seit dem Wiener Kongress 1815, die Machtbalance auf dem alten Kontinent hatten wahren können, wenngleich zuletzt mehr schlecht als recht: Am Ende des "Großen Krieges" von 1914 bis 1918 lagen sie alle ausgeblutet und geschlagen, verkümmert und entmachtet am Boden.

Versuchsraum Umso mehr richteten sich die Erwartungen auf die Pariser Friedenskonferenz, die im Januar 1919 in der französischen Hauptstadt begann und deren Verhandlungen sich bis 1920 hinzogen. "Ein Versuchsraum für internationale Ordnungsstiftung im 20. Jahrhundert", hat der Freiburger Historiker Jörn Leonhard dieses Treffen genannt. Es war, für damalige Verhältnisse, ein politisches Großereignis mit rund 10.000 Teilnehmern: Staatspräsidenten, Regierungschefs, Diplomaten, Experten für militärische, wirtschaftliche und völkerrechtliche Themen, Delegierte aus unabhängigen Staaten, Journalisten aus aller Welt, Sprecher von Befreiungsbewegungen aus Afrika und Asien, die Möglichkeiten zur Verbesserung des europäischen Kolonialismus in ihren Heimatländern auszuloten versuchten. Zum erste Mal besaß eine solche Konferenz einen derart globalen Charakter.

Trotz dieser gewaltigen Ansammlung von internationaler Prominenz überstrahlte eine Persönlichkeit von Anfang an alle anderen erlauchten Häupter: der amerikanische Präsident Woodrow Wilson. Denn ihm wurde die Rolle eines besonderen "Friedensfürsten" zugebilligt, an dem sich viele Annahmen und Sehnsüchte für eine gerechte und stabile Nachkriegsordnung festmachten. Allerdings hatte er selbst zu seinem Nimbus erheblich beigetragen.

Das beruhte nicht so sehr auf dem amerikanischen Kriegseintritt am 6. April 1917, ausgelöst durch die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs vom Deutschen Reich. Die USA hatten diese Entscheidung zudem nicht als alliierte, sondern nur als assoziierte Macht gegenüber den Entente-Mächten Großbritannien, Frankreich, Russland und Italien vollzogen - ein Hinweis dafür, dass Washington andere Kriegsziele vorschwebten als den europäischen Verbündeten: "Peace without victory", lautete die Formel, eben keine Eroberungen, keine Annexionen, sondern die Vision einer friedlichen Welt auf der Grundlage des Rechts und der Demokratie, ein System "safe for democracy".

Diese Vorstellungen verdichteten sich bei Wilson, je länger und je brutaler die Gräuel des Krieges anhielten. Am 8. Januar 1918 hielt der Präsident vor dem amerikanischen Kongress jene Rede, die als Vierzehn-Punkte-Programm in die Geschichte eingegangen ist. Darin proklamierte er den Anspruch der USA, an einer zukunftsträchtigen Lösung in Europas führend beteiligt zu sein. Zwar benannte Wilson dabei nicht ausdrücklich das "Selbstbestimmungsrecht der Völker", also jenen Begriff, für den sein Name besonders steht. Aber er betonte die Autonomie der Staaten und verlangte eine "Association of Nations", einen "Völkerbund", der die neue internationale Ordnung überwachen sollte. Nur wenig später berief er sich auf das "Selbstbestimmungsrecht" als "keine leere Phrase, sondern ein gebieterisches Handlungsprinzip".

Allerdings bestand da ein gewisser Druck von außen. Denn Lenin hatte sich in einem "Dekret über den Frieden" Ende 1917 für ein "Selbstbestimmungsrecht der Völker" ausgesprochen, vor allem für jene kleinen Völker, die gegen ihren Willen und ohne ihre Zustimmung in einem Großstaat ausharren mussten. Zudem sprach sich der Bolschewiki-Führer gegen Annexionen und Kontributionen aus.

In Lenins Vorstoß wird bereits jener Antagonismus erkennbar, der sich in den späteren Jahrzehnten bis zum "Kalten Krieg" zwischen den USA und der Sowjetunion verhärtete: Die kommunistische Ideologie tritt früh auf den Plan.

Das Vierzehn-Punkte-Programm machte Wilson zum Mann der Stunde. Wo immer der Präsident während seines Europa-Aufenthaltes erschien - neben Paris in London und Rom -, applaudierten und jubelten die Massen. Es war für ihn fast ein Triumphmarsch - ähnlich wie es Jahrzehnte später John F. Kennedy erging, als er bei seinem Deutschlandbesuch im Juni 1963 die Rede in Westberlin mit der berühmten Metapher beschloss: "Ich bin Berliner."

Allerdings war Wilsons Überschwang an Idealismus und Moralismus nicht jedermanns Sache, vor allem in den offiziellen Konferenzgremien. Das begann in den eigenen Kreisen. Sein Außenminister Robert Lansing äußerte über das Recht auf Selbstbestimmung: "Die Formulierung ist schlicht mit Dynamit geladen. Sie wird Hoffnungen wecken, die niemals verwirklicht werden können. Ich fürchte, sie wird Tausenden das Leben kosten." Und Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau lästerte über die 14 Punkte: "Gott der Allmächtige brauchte nur zehn Punkte." Später räumte Wilson sogar selbst ein, dass seine Vorstellungen vom Frieden zu "einer Tragödie der Enttäuschungen" werden könnte.

Auf jeden Fall, so urteilt der Historiker Dan Diner, habe das Prinzip der Selbstbestimmung "wie ein Projektil die Strukturen des alten Europa" durchschlagen. Dahinter steht, dass der Begriff der Selbstbestimmung in angelsächsischer Sicht unterschiedlich interpretiert wurde. So verstanden die Amerikaner die Selbstbestimmung als das Recht einer Bevölkerung auf Selbstregierung und Schaffung souveräner Institutionen, die anderen meinten - und das galt vor allem für die Osteuropäer - die Berechtigung der Staatsgründung auf ethnischer Grundlage.

Erhebliche Differenzen Es war nicht die einzige Kluft, die sich auf der Pariser Friedenskonferenz auftat. Sogar im Kernpunkt bestanden erhebliche Differenzen zwischen den Ententemächten Großbritannien, Frankreich, Italien und den USA, nämlich der "Stabilisierung der postimperialen Zusammenbruchszone" in Europa (Leonhard). Dabei ging es um die künftige Behandlung der Mittelmächte unter den Bedingungen eines Friedensvertrages, vor allem Deutschland und Österreich-Ungarn. Gerade hier prallten die gegensätzlichen Interessen der Siegermächte hart aufeinander. Frankreichs oberstes Ziel war die Schwächung Deutschlands, damit es niemals wieder zu einer ernsten Bedrohung werden könnte. Auch Reparationen für die Kriegsschäden waren für die Franzosen unabdingbar. England wünschte ebenfalls eine Reduzierung von Deutschlands Machtpotential, aber nicht in einem Maße, dass es als künftiger Handelspartner ausfiel. Und die USA wollten einen Demokratisierungsprozess in Europa und die Schaffung einer kollektiven Sicherheitsorganisation, eben den "Völkerbund".

Diese konträren Absichten konnten nur in einem heillosen Kompromiss enden, allerdings "nicht zwischen Gewinnern und Verlierern, sondern zwischen den Hauptakteuren der siegreichen Entente", so der Historiker Robert Gerwarth. Deshalb wurde die Pariser Friedensordnung mit den verschiedenen Vorortverträgen - Versailles für Deutschland, Saint-Germain für Österreich, Neuilly für Bulgarien, Trianon für Ungarn und Sèvres für das Osmanische Reich - weder ihrer Bezeichnung noch ihrem Inhalt nach der Aufgabe gerecht. Sieger wie Besiegte, die von den Verhandlungen ausgeschlossen waren, zeigten sich mit dem Ergebnis unzufrieden. Mehr noch: Gerwarth deutet diese Konsequenzen des "Großen Krieges" eher als "Katalysator neuer Konflikte".

Auf den Territorien der zerschlagenen Großreiche entstanden immerhin zehn Staaten: Polen, Litauen, Estland, Lettland, Finnland, Deutsch-Österreich, Ungarn, die Tschechoslowakei, Jugoslawien und die Türkei. Von den nahöstlichen Neuordnungen unter britischem und französischem Mandat ganz zu schweigen. Diese Entwicklung vollzog sich nicht friedfertig-gütlich, sondern aggressiv-blutig. Deshalb spricht der Marburger Historiker Eckart Conze von "Staatsbildungskriegen", und zwar "mit Blick auf die Entstehung und Grenzen, auf innere staatliche Strukturen sowie dem Herrschaftsanspruch des Staates und dessen Durchsetzung".

Die Zwischenkriegszeit, wie die beiden Jahrzehnte zwischen 1919 und 1939 häufig bezeichnet werden, waren angefüllt mit Unruhen und Aufständen, Revolutionen und Putschen, Kämpfen und Bürgerkriegen, gerade in Mittelost- und Südosteuropa. Aber auch andere Länder, wie Italien mit dem Aufstieg von Mussolinis Faschismus, England und Irland mit dem Bürgerkrieg, Spanien mit dem Feldzug und Sieg Francos sowie Deutschland mit der stets umkämpften Weimarer Republik, erlebten harte, sogar blutrünstige Konfrontationen. Die Gewalt ist daher nach Ansicht des Zeithistorikers Andreas Wirsching eine "gemeineuropäische Signatur der Epoche".

Die neuen Staaten Osteuropas waren "faktisch nichts anderes als kleine, multinationale Imperien", so Conze. Fast nirgendwo bestand ein homogenes Staatsvolk, sondern eine Bevölkerung mit Unterschieden in Sprache, Kultur und Religion. Mehrheiten versuchten die Heterogenität rabiat abzuschaffen, Minderheiten sahen sich dem Druck der Assimilation ausgesetzt, schlimmstenfalls der Verfolgung, wie beispielsweise die Juden. Grenzziehungen blieben umstritten, massenhafte Vertreibungen und Migrationen waren an der Tagesordnung. Hinzu kamen wirtschaftliche und soziale Krisen, auch finanzielle Dilemmata, besonders durch die große Depression Ende der 1920er Jahre. In den meisten Ländern etablierten sich autoritär-nationalistische, gar diktatorische Regime. Auch Deutschland ging des demokratischen Systems der Weimarer Republik verlustig, 1933 gelangten die Nationalsozialisten an die Macht. So endete die Zwischenkriegszeit in einer fatalen Implosion der europäischen Staatenwelt.

Warum ist die Pariser Friedensordnung so krachend gescheitert? Einmal lag es an den Unzulänglichkeiten der einzelnen Staaten, vielfache Zuspitzungen und virulente Störungen beschleunigten den Zerfall. Der Demokratisierungsprozess versiegte in wachsendem Nationalradikalismus und autokratischen Herrschaftsformen. Der Völkerhass erreichte zudem ein neues Stadium in Europa, meinte Hannah Arendt. "Denn hier war jeder gegen jeden und vor allem gegen seinen Nachbarn." Auch die Minderheiten, "der unglückselig verbleibende Rest", hätten im System der Friedensverträge schlechterdings keinen Platz gehabt. Das erklärt die Aggressivität mit Gewaltexzessen und Waffengängen nach innen und außen, die eine kohärente politische Stabilität ausschlossen.

Ein harter Schlag bedeutete sicherlich auch das "Fiasko des Wilsonianismus", wie es der amerikanische Historiker Adam Tooze nennt. Der US-Präsident, zunehmend kränklich, konnte die eigene Nation nicht für eine aktiven Teilnahme an der Pariser Friedensordnung gewinnen. Im März 1920 lehnte der Kongress in Washington den Versailler Vertrag ab, die USA traten nicht dem Völkerbund bei. Der Rückzug Amerikas in den Isolationismus hat den Fortgang in Europa zweifellos negativ geprägt.

Parallelitäten "Das Fehlen eines Hüters der Ordnung" macht Herfried Münkler für die Komplexität solcher Abläufe verantwortlich. Natürlich hat der bekannte Politikwissenschaftler eher die gegenwärtigen Verhältnisse innerhalb der Europäischen Union im Auge, weil die USA unten ihrem Präsidenten Donald Trump mehr und mehr aus der Rolle einer Vormacht des Westens aussteigen. Aber die verblüffende Ähnlichkeit der Entwicklungen in der Zwischenphase der Weltkriege mit heutigen internationalen Metamorphosen lässt mithilfe von Münklers Wortwahl doch gewisse Parallelitäten aufleuchten. Sogar bis zur bangen Frage: Droht der Europäischen Union eine Implosion?

Das europäische Projekt, jener glückhafte Einigungsprozess nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und dessen erfolgversprechende Fortsetzung nach dem Ende des Kalten Krieges samt dem Zusammenbruch des Realsozialismus in Osteuropa während der 1990er Jahre: Dieser umfassende Aufriss hat zuletzt viel von seiner vormaligen Attraktivität eingebüßt. Öffentliche Meinungsbilder schwanken heute zwischen dem "europäischen Traum", an dem die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann festhält, und einer "Europadämmerung", wie der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev die Situation analysiert. Der Historiker Gregor Schöllgen hält die EU sogar für überflüssig und hat dabei das transatlantische Bündnis Nato sogleich mit dazu gepackt. Die Bündnisse stammten aus einer Welt, die vor 30 Jahren versunken sei.

Das Kürzel EU steht gegenwärtig häufig mehr für Krisen und Defizite, "die europäische Konföderation beginnt zu bröckeln, der Zusammenhalt steht unter Druck", so denkt Assmann. Da hat sich viel angehäuft: die unbewältigte und jetzt wieder aufflammende Migrantenkrise von 2015, die Rückkehr zu nationalen Alleingängen, der Abbau demokratischer Standards, der Verlust gemeinsamer Werte, der Aufstieg von Populisten, dann Brexit, Trump, Macron, Putin, China, Afrika, Mittelmeer - eine schier endlose Reihe; von den streitigen Dauerbrennern in der Wirtschafts-, Sozial- und Währungspolitik ganz zu schweigen.

Gewiss, Geschichte vermag wenig zu lehren, Handlungsoptionen müssen stets neu getroffen werden. Aber die Kenntnis der Vergangenheit kann helfen, Bruchstellen und deren Konsequenzen zu erkennen und einzuschätzen.

Das Europa des letzten Jahrhunderts liefert sattsam Beispiele.

Der Autor ist freier Journalist und Buchautor in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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