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Amri-Ausschuss
Winfried Dolderer
Bilder vom Abend der Tat

Zeuge schildert die ersten Einsatzstunden nach dem Breitscheidplatz-Anschlag

Kein Hinken, nicht einmal die kleinste Trittunsicherheit. Keine erkennbaren Anhaftungen von Glassplittern. Von Blutspuren ganz zu schweigen. Beschwingten Schrittes, proper gekleidet, augenscheinlich völlig entspannt und gelassen schlendert Anis Amri durchs Bild. Er hat es offenbar auch nicht eilig. Schauplatz ist eine Unterführung in der Nähe des Berliner Bahnhofs Zoo. Zeitpunkt 20.06 Uhr am 19. Dezember 2016, dem Tag des bislang opferreichsten islamistischen Terroranschlags in Deutschland gleich nebenan auf dem Breitscheidplatz.

Sieht so einer aus, der keine zehn Minuten vorher mit einem Sattelschlepper einen Weihnachtsmarkt überrollt und zwölf Menschen umgebracht hat? Der einen Aufprall hinter sich hat, so heftig, dass sich ein halber Christbaum durch die Windschutzscheibe bohrte und die Leiche des erschossenen polnischen Fahrer aus der rückwärtigen Schlafkoje ins Führerhaus geschleudert wurde? Die vier Sequenzen aus verschiedenen Überwachungskameras der Berliner Verkehrsbetriebe sorgten in der vorigen Woche für Staunen im Untersuchungsausschuss zu dem Breitscheidplatz-Anschlag. Den AfD-Obmann Stefan Keuter bewegte der Eindruck dieser Bilder zu der in eine Frage gekleideten Andeutung, dass Amri womöglich gar nicht der Täter war.

Ein weiteres Mal stand der fatale Abend dieses 19. Dezember im Fokus der Bemühungen des Ausschusses. Die Abgeordneten hörten einen Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA), Kriminalhauptkommissar T. V., der an der Auswertung des nach dem Anschlag gesammelten Videomaterials beteiligt war. Und einen Berliner Polizisten, Kriminalhauptkommissar Jörg E., der in den ersten Stunden den Einsatz am Tatort geleitet hatte.

Der heute 54-jährige E. arbeitet seit zehn Jahren im Kriminaldauerdienst der für die Bezirke Spandau und Charlottenburg-Wilmersdorf zuständigen Polizeidirektion 2. Am Tatabend war er dort als Schichtleiter eingesetzt. Dass am Breitscheidplatz ein Schwerlaster in den Weihnachtsmarkt gerast war, erinnerte sich E., habe er um 20.02 Uhr erfahren und keinen Augenblick an einen Unfall geglaubt. Die Bilder vom Anschlag in Nizza im Juli desselben Jahres, als ein Lkw über die Uferpromenade gebrettert war, seien ihm durch den Kopf gegangen. Ein "Bauchgefühl" habe ihm gesagt, dass jetzt in Berlin etwas Gleichartiges geschehen war.

Stille am Tatort Etwa 20 Minuten später war E. am Tatort und, wie er sagte, überrascht von der "gespenstischen Stille", die dort herrschte. Das Blaulicht der Einsatzwagen beleuchtete die Szenerie. Feuerwehrleute kümmerten sich um die Verletzten. E. hatte "Geschrei" und "Gestöhn" erwartet - nichts davon. Der Tatort war mit Flatterband abgesperrt, die Leiche des polnischen Fahrers bereits aus dem Führerhaus geborgen. Er werde in einem Rettungswagen reanimiert, wurde E. mitgeteilt. Dass Amri ihn erschossen hatte, sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen. Erst "weit nach Mitternacht", als Beamte auf dem Bildschirm eines Polizeicomputers ein Foto des Mannes eingehend betrachteten und vergrößerten, entdeckten sie die Kopfschusswunde.

E.s erste Sorge war, Zeugen des Geschehens zu ermitteln und zu befragen. Viele Menschen seien im ersten Schrecken weggelaufen, später aber zum Tatort zurückgekehrt, auch um der Polizei ihre Beobachtungen mitzuteilen. Die Feuerwehr hatte am Rand des Platzes ein Zelt aufgestellt, wo Leichtverletzte versorgt werden konnten. Dort wurde zunächst eine Zeugensammelstelle eingerichtet, die später in den Räumen einer Autovermietung im Europacenter unterkam. An fahndungsrelevanten Erkenntnissen hätten die Befragungen am Tatabend allerdings nicht viel erbracht, meinte der Zeuge. So hätten die vernehmenden Beamten erstaunlich wenige Handy-Videos zu sehen bekommen.

Von eher bescheidenen Erträgen berichtete auch der 47-jährige Kriminalhauptkommissar V., der an der Auswertung des Bildmaterials mitgewirkt hatte. Er führte dies auf die mangelhafte Qualität vieler Aufnahmen zurück. Unter dem Arbeitstitel "Boston Cloud" hatte das BKA ein Internetportal freigeschaltet, wo Zeugen, die am Tatabend auf dem Breitscheidplatz waren, Fotos und Videos hochladen konnten. Am Ende seien dort 651 Datensätze gespeichert gewesen, nicht allesamt zielführende Hinweise. Einige Scherzkekse hätten auch Katzenvideos oder Diebstahlsanzeigen eingestellt. So oder so habe das Aufkommen aus der "Boston Cloud" nur einen "verschwindend" geringen Bruchteil des gesamten Bildmaterials ausgemacht.

Unter den Videos waren zwei, die zeigten, wie der Lkw in den Weihnachtsmarkt fuhr. Auf einem, aufgenommen von einer Überwachungskamera an einem gegenüber liegenden Gebäude, sei am Ende "eine Bewegung an der Fahrertür" zu erkennen, "aber ganz schwach". Dass es Amri war, der aus dem Wagen stieg, sei allenfalls zu raten, meinte der Zeuge.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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