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Coronavirus
Claus Peter Kosfeld
Die Pandemie

Der Krisenfall erfordert harte Einschnitte

Die Coronakrise dringt immer stärker in den Alltag der Menschen ein und legt Teile des öffentlichen Lebens lahm. In Italien, wo die Infektionsfälle weiter rapide steigen und viele Tote zu beklagen sind, hat die Politik vom Krisen- in den Notfallmodus umgeschaltet. Seit der vergangenen Woche gilt ganz Italien als Sperrzone. Rom ohne Touristen, Restaurants ohne Gäste, ein Geisterland, und wann der Spuk vorbei ist, wagen Experten nicht vorherzusagen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte die Coronavirus-Epidemie inzwischen offiziell als globale Pandemie ein.

Virologen sehen keine Veranlassung, die Coronakrise irgendwie zu beschönigen. Was sie zuletzt mitzuteilen hatten, macht wenig Hoffnung, dass Deutschland sozusagen nur ein bisschen infiziert werden könnte. Die bisherigen Erkenntnisse über das neue Coronavirus (Sars-CoV-2) lassen vielmehr den Schluss zu, dass die Ansteckungszahlen noch deutlich steigen werden und ein Ende der Epidemie wahrscheinlich erst 2021 absehbar ist, wenn im besten Fall ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Starke Labore Der renommierte Virologe Christian Drosten, der mit seiner Gruppe von Wissenschaftlern am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) der Charité das erste Nachweisverfahren für das neue Coronavirus entwickelt hat, sagte: "Wir müssen damit rechnen, dass wir direkt in eine Epidemiewelle hineinlaufen." Der saisonale Effekt, wonach Viren im Frühling bei höheren Temperaturen vermehrt absterben, sei bei diesem Virus weniger ausgeprägt. Dass es hier bisher wenige Tote gebe, hänge mit der frühen Diagnostik zusammen, sagte Drosten und lobte die über das Land verteilten Labore, die "eine hohe Technikkompetenz" hätten. Die Laborarbeit habe Deutschland "einen extremen Vorsprung in der Erkennung der Epidemie gesichert".

Solidarität gefragt Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI, s. Seite 12), Lothar Wieler, betonte, es handele sich um ein pandemisches Virus, das 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren könne und vor allem für Menschen über 65 gefährlich sei. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) appellierte an die Jüngeren, sich mit Rücksicht auf die Älteren an die empfohlenen Verhaltensregeln zu halten. Der Staat allein könne die Krise nicht bewältigen, nötig sei Solidarität. Ähnlich äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Skeptiker der neuen Vorschriften in die Schranken wies: "Es ist eben nicht egal, was wir tun, es ist nicht vergeblich, es ist nicht umsonst." In dieser Krise würden Solidarität, Vernunft und Herz auf die Probe gestellt. "Ich wünsche mir, dass wir diese Probe bestehen." Älteren Leuten ab 60 Jahren wird geraten, sich gegen Pneumokokken zu impfen, um eine Infektion der Lunge mit Viren und Bakterien zu verhindern.

Eindämmen Während die Regierung in Italien mit drastischen Mitteln wie landesweiten Reisebeschränkungen, geschlossenen öffentlichen Einrichtungen und Geschäften sowie strikten Quarantänevorschriften gegensteuert, setzt Deutschland auf ein regional abgestuftes Vorgehen. Spahn machte erneut die Strategie deutlich: Der Ausbruch soll so lange und so gut wie möglich eingedämmt werden, um das Gesundheitssystem, das gerade noch das Ende der Grippesaison verarbeitet, nicht zu überfordern. Bundesweit stehen in den Kliniken rund 28.000 Intensivbetten zur Verfügung, darunter rund 25.000 mit Beatmungsgeräten, wichtig für die Versorgung speziell von Lungenkranken.

Vorsorglich sollen Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern abgesagt werden, erstmals werden in der Fußball-Bundesliga "Geisterspiele" ohne Zuschauer ausgetragen, der Kulturbetrieb ist stark eingeschränkt, zahllose Veranstaltungen wurden abgesagt. Der CDU-Bundesparteitag wird verschoben. Einzelne Bundesländer gehen dazu über, Schulen und Kitas zu schließen.

Wirtschaftshilfe Zur Stützung von Wirtschaft und Arbeit beschloss die Koalition verstärkte Investitionen des Bundes und Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld (siehe Beitrag rechts). Außerdem sollen Liquiditätshilfen für Firmen ermöglicht werden. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: "Unser Ziel ist, dass möglichst keine Unternehmen in Deutschland in Insolvenz geraten und möglichst kein Arbeitsplatz verloren gehen soll." Die Regierung verkündete ein unbegrenztes Kreditprogramm. Die Folgen für die Wirtschaft waren am Freitag auch Thema im Bundestag, wo Redner das historische Ausmaß der Krise hervorhoben. Mit einem Hilfsfonds über 25 Milliarden Euro stemmt sich auch die EU gegen die Viruskrise. Das Geld soll in konjunkturanfällige Branchen fließen. Die USA verkündeten völlig überraschend und nicht abgestimmt mit der EU einen auf 30 Tage befristeten Einreisestopp für Europäer. Ausgenommen sind aus unbekannten Gründen Großbritannien und Irland. Die Börsen knickten darauf in den USA und Europa erneut massiv ein.

Parlament betroffen Auch der Bundestag blieb nicht verschont von dem unbekannten Keim. Ein Abgeordneter wurde positiv getestet, seine Mitarbeiter begaben sich in häusliche Quarantäne. Es gibt einige weitere Verdachtsfälle. Der Sitzungsbetrieb ging unterdessen weiter, auch die nächste Sitzungswoche Ende März soll planmäßig stattfinden, sofern keine völlig neue Lage entsteht. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) machte in einem Brief an die Parlamentarier deutlich: "Als Abgeordnete stehen wir in besonderer Pflicht zum verantwortungsvollen Umgang mit der Krise und zu besonnenem Handeln." Er fügte hinzu: "Neben den notwendigen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz ist oberstes Gebot, die Handlungsfähigkeit des Verfassungsorgans zu erhalten."

Um dem Coronavirus im Getümmel keine guten Gelegenheiten zu geben, werden namentliche Abstimmung räumlich und zeitlich gestreckt. Veranstaltungen des Bundestages mit Publikumsbeteiligung und Besuche angemeldeter Gruppen werden bis Ende April abgesagt. Reichstagskuppel und Dachterrasse bleiben bis auf Weiteres gesperrt. Dienst- und Delegationsreisen sollen auf das nötige Maß begrenzt werden. "Die anhaltend dynamische Entwicklung macht es notwendig, die Lage täglich neu zu bewerten", befand Schäuble. Tatsächlich weiß niemand, wie sich die Krise weiter entwickeln wird. Mit Hochdruck wird international an Arzneimitteln und an einem Impfstoff geforscht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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