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Gastkommentare - Contra
Christian Schlüter
Nutzlose Gefahr

Identifikationspflicht im Netz?

K larnamen im Internet sind eine einträgliche Sache. Ein geldwertes Gut mithin: Auf Facebook etwa kann, wer sich mit einem Pseudonym anmeldet, einfach rausgeschmissen werden. Damit will der global agierende Datenkonzern keineswegs Hasskommentare, Trollnetzwerke oder ganz allgemein Internetkriminalität bekämpfen, sondern via Klarnamen die verschiedenen, über die konzerneigenen Portale verteilten Profile zusammenführen, um Werbung besser zu adressieren und zu verkaufen.

Von solch kommerziellen Verwertungsinteressen abgesehen: Wozu wäre eine Identifikationspflicht im Internet noch nützlich? Zur Bekämpfung der Hasskommentare gewiss nicht. Die Erfahrung zeigt, dass Klarnamen immer weniger Menschen davon abhalten, im Netz ihren Ressentiments freien Lauf zu lassen. Beunruhigend ist der Hass nicht unterm Deckmantel der Anonymität, sondern in seiner grassierenden Nicht-Anonymität.

Das ist eine Tatsache, über die quasi-plausible, netz-esoterische Argumente nicht hinwegtäuschen können: Wer gesamtgesellschaftliche Problemlagen durch teilgesellschaftliche Placebos lösen will, handelt kenntnisfrei und fahrlässig. Und gefährdet überdies die Freiheit im Netz, insofern hier Anonymität vor allem ein Schutzinstrument für ohnehin ausgegrenzte und angreifbare Menschengruppen ist. Der Klarnamenzwang zerstört die Freiheit des Netzes ebenso wie der Hasskommentar. Beste Bedingungen für Denunzianten, Stalker, Mobber und Todeslistenfans. Zudem hätten mit der Identifikationspflicht politische und kommerzielle Interessen glücklich zusammengefunden: Überwachungsstaatler und Datenverwerter dürften sich gleichermaßen freuen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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