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RECHTSTERRORISMUS
Florian Hartleb
Die Spur des einsamen Wolfes

Die Attentate von München, Halle und Hanau offenbarten einen neuen Täter-Typ

Von den Worten zu den Waffen. Diese gebräuchliche Wendung für eine Radikalisierung, die schließlich bis zum Terrorismus führt, klingt heute antiquiert. Angesichts der Attentate in Halle im Oktober vergangenen Jahres und jüngst in Hanau müsste man formulieren: vom virtuellen Hass zum Livestream-Attentat.

Der 43-jährige gelernte Bankkaufmann Tobias Rathjen ermordete am 19. Februar 2020 kaltblütig neun Menschen mit Migrationshintergrund und seine eigene Mutter. Anschließend beging er Selbstmord. Bereits die Auswahl seiner Opfer deutet auf ein rechtsextremistisches Motiv hin. Und Mitte Februar wurde bei einer Razzia ein Dutzend mutmaßlicher Rechtsterroristen der sogenannten "Gruppe S." festgenommen, die offenbar Anschläge auf Politiker und Muslime im gesamten Bundesgebiet planten. Bereits im Herbst vergangenen Jahres war die Republik in heller Aufregung: Der 27-jährige Stephan Balliet versuchte am 9. Oktober, mitten am Tag in eine jüdische Synagoge in Halle (Saale) einzudringen und ermordete nach dem Misserfolg willkürlich zwei Menschen. Er streamte live auf der Plattform Twitch.

Die Täter von Halle und Hanau waren arbeitslos und hassten Frauen, wie in ihren "Manifesten" deutlich wird. Offenbar hat die Incel-Bewegung Einfluss auf ihr Weltbild: Die Bewegung stammt ursprünglich aus den USA und findet in den virtuellen Welten, etwa auf den Plattformen 4chan und 8chan, Verbreitung. "Incels" betrachten sich meist als Männer zweiter Klasse, die sich von Frauen zurückgewiesen fühlen und Rache üben wollen.

Ideologisches Rudel Das 21. Jahrhundert ist schon jetzt das Jahrhundert des Individualterrorismus. Es braucht eben keine Terrororganisation mehr. Ein Computer mit Internetzugang reicht zur Radikalisierung aus. Der Begriff des "einsamen Wolfs" bringt es auf den Punkt: Männer, die im sozialen Leben isoliert sind und sich in virtuellen Räumen radikalisieren, ethnische Gruppen hassen und alleine losschlagen. Ihre Botschaften drücken sie in Manifesten und Videos aus. Das meint nicht, dass sich die Täter im sozialen Vakuum bewegen. Sie suchen Gleichgesinnte im Internet, sind also Teil eines ideologischen Rudels.

Spätestens seit dem 22. Juli 2011 ist der neue Typus des "Einsamer-Wolf-Terroristen" der Weltöffentlichkeit bekannt. Nach jahrelanger Planung ermordete der norwegische Rechtsextremist Anders Behring Breivik 77 Menschen. Er ist, zynisch gesagt, der Prototyp des "Einsamer-Wolf-Terroristen", der in den virtuellen Welten, etwa auch auf einer öffentlichen Enzyklopädie, verehrt wird. Fünf Jahre später, - auf den Tag genau -, versetzte der 18-jährige Deutsch-Iraner David Sonboly München in einen Ausnahmezustand, als er neun Menschen, alle mit Migrationshintergrund, tötete. Er war auf der Spieleplattform Steam mit einem späteren Täter in New Mexico vernetzt.

Die Opferauswahl ist ein wichtiges Kriterium für Rechtsterrorismus. Dennoch benötigten Bayerns Behörden mehr als drei Jahre, um das Offensichtliche, nämlich eine rechtsextremistisch motivierte Tat, zu erkennen. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte etwa, der Täter könne kein Extremist sein, da er keiner Partei oder Organisation angehöre - ein Organisationsverständnis aus dem vergangenen Jahrhundert.

Im März 2019 ermordete ein Australier nach jahrelanger Planung im neuseeländischen Christchurch Dutzende von Menschen und übertrug das Verbrechen mit einer Kopfkamera live per Facebook. Der 28-jährige Täter Brenton Tarrant hinterließ ein 74-seitiges Manifest. Im Juni sorgte der erste rechtsextremistisch motivierte Mord an einem Politiker in der Geschichte der Bundesrepublik für Entsetzen. Stephan Ernst, einst in der rechtsextremistischen Szene aktiv, aber nicht mehr auf dem Radar der Sicherheitsbehörden, erschießt - mutmaßlich - nachts aus nächster Nähe den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Auch die Tat von Hanau war akribisch vorbereitet, von langer Hand geplant.

Die Täter sehen sich als Public-Relations-Strategen in eigener Sache und wollen mit ihren Terrortaten für Publizität sorgen. Der Hanau-Attentäter Tobias Rathjen etwa hat nicht nur ein Manifest vorgelegt, das sich an das deutsche Volk richtet, sondern auch noch ein auf Englisch publiziertes Youtube-Video. Hier wird ein großes Maß an Narzissmus deutlich. Rathjen sah sich als Retter, Erlöser, Befreier. Er fühlte sich verfolgt, spricht davon, dass er von einem Geheimdienst überwacht werde. Und am liebsten wollte er die ganze Welt "eliminieren", von Marokko über die Türkei bis hin zu den Philippinen. Am Ende soll auch das eigene Volk "daran glauben". Auf seiner Website finden sich Bezüge zu Videos von Satanisten und Freimaurern. Deutlich wird hier, was diesen Einzeltäter ausmacht. Er schneidert sich eine persönliche Kränkungsideologie zurecht, die persönliche Frustrationen mit politischen Motiven verbindet. Seine Tat trägt klar die Handschrift eines rechtsterroristischen Einzeltäters, eines "einsamen Wolfs".

Wie beim Rechtsterrorismus zeichnet sich auch innerhalb des islamistischen Terrorismus die Tendenz zum Einzeltäter ab. Und eine weitere Parallele ist augenfällig: Auch beim islamistischen Einsamen-Wolf-Terrorismus brauchen die Behörden scheinbar lange, um darauf zu reagieren. So markierte der Terroranschlag des damals 24-jährigen Tunesiers Anis Amri vom 19. Dezember 2016 in Berlin immerhin eine "Zäsur" für den Rechtsstaat. Zwölf Menschen starben, mehr als 60 wurden zum Teil schwer verletzt. Linksextremismus ist hingegen eher als Gruppenphänomen zu deuten - obwohl die Idee des alleine losschlagenden Einzeltäters aus dem Anarchismus des 19. Jahrhunderts stammt.

Die hinterlassenen Pamphlete und Videos von Tobias Rathjen zeigen: Sein Motiv entspricht nicht klischeehaft dem eines klassischen Neonazis mit Merkmalen wie Hitler-Verehrung, Rassismus und Antisemitismus. Jeder einsame Wolf hat seine eigene Kriegsideologie, die schwer im realen Leben zu lokalisieren ist. Breivik etwa sah sich als Tempelritter, der Europa vor der Islamisierung retten wollte. David Sonboly wollte München, sein Vaterland, "befreien". Und Stephan Balliet sieht "die Juden" verantwortlich für alles Übel dieser Welt. Wir sprechen hier von sozial isolierten Menschen. Auch Rathjen war weitestgehend unauffällig, so wurde er zumindest von seinem Schützenverein beschrieben. Die Sicherheitsbehörden müssen daher im digitalen Raum ansetzen. Das ist die Lebensrealität der einsamen Wölfe.

Tobias Rathjen war offenbar psychisch gestört, litt unter Verfolgungswahn. Doch das schließt eine politische Radikalisierung, eine politische Motivlage nicht aus. Das eine sollte nicht gegen das andere ausgespielt werden: Psychisch Gestörte können Extremisten sein, Extremisten psychisch gestört sein. Den Halle-Attentäter Balliet kannte man nicht einmal in der örtlichen Kneipe. Auch Rathjen war in seiner Nachbarschaft kaum bekannt. Zugleich waren sie im virtuellen Raum sehr aktiv. Das soziale Leben dieser Täter findet häufig mehr oder weniger komplett im Internet statt. Beim Individual-Terrorismus spricht man von einer spezifischen Radikalisierungsphase. Irgendwann gibt es den sogenannten Trigger, den auslösenden Punkt, an dem es in die Planungsphase übergeht, in der sich der Täter ganz konkret damit beschäftigt, wie er sich eine Waffe beschafft. Rathjen erwarb die Tatwaffe legal, war Mitglied eines Schützenvereins.

Ort der Radikalisierung Die virtuellen Räume gelten als zentraler Radikalisierungsort. Es ist nur schwer einschätzbar, ob man dort auch die inhaltlich wie technisch richtigen Experten sitzen hat. In der Polizeiausbildung wird das Thema nur gestreift. IT-Spezialisten und Datenauswerter sind rar gesät und werden händeringend gesucht. Fragen über Fragen stellen sich bei der Auslotung von Freiheit und Sicherheit. Wo ist die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Hassverbrechen zu ziehen? Zwischen Trollen und Terroristen? Hinzu kommt: Auch mit mehr Personal hätte man die Taten von Halle und Hanau nicht verhindert. Die Sicherheitsbehörden sind sich inzwischen dieser Gefahr bewusst. Es gibt neue Analysetools, etwa das Risikobewertungssystem Radar-rechts, das bereits im Bereich des islamistischen Terrors eingesetzt wird. Das Bundesamt für Verfassungsschutz arbeitet testweise mit Künstlicher Intelligenz, um im Internet mithilfe bestimmter Schlüsselworte potenzielle Täter aufzuspüren. Aber auch jetzt würde ein Täter vom Typ "einsamer Wolf" vom Radar der Sicherheitsbehörden wohl nicht erfasst.

Statt in politischen Aktionismus zu verfallen, sollte eher die "Gamification" des Terrors diskutiert werden - seine Inszenierung als Computerspiel. Dabei sollte es nicht darum gehen, die alte Killerspieldebatte wieder zu beleben und in Gamern potenzielle Terroristen zu wittern. In Deutschland ist Anfang 2018 das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) in Kraft getreten. Es schreibt vor, dass Online-Plattformen wie Facebook eindeutig strafbare Inhalte binnen 24 Stunden nach einem Hinweis löschen müssen. In weniger eindeutigen Fällen haben sie eine Woche Zeit. Bei Verstößen drohen Strafen von bis zu 50 Millionen Euro. Computer- und Videospiele fallen aber nicht unter das NetzDG. Offenbar hat es die Lobby der Spieleindustrie geschafft, dass Online-Games ausgenommen sind. Somit bleibt das NetzDG eine stumpfe Waffe.

Die interfraktionelle Parlamentariergruppe "eSports & Gaming" des Bundestags etwa hat eine Erklärung veröffentlicht und sich darin klar gegen Behauptungen positioniert, die eine grundsätzliche Affinität zwischen Gaming und rechtsextremen Gefährdern suggerieren. Der nach dem Attentat von Halle von den Innenministern beschlossene Neun-Punkte-Plan spricht lediglich davon, dass Anbieter von Internetdiensten verpflichtet werden sollen, bei Morddrohungen und Volksverhetzung die Inhalte sowie die IP-Adressen der Urheber einer neu zu errichtenden Zentralstelle beim Bundeskriminalamt zu melden. Doch Unternehmen wie Valve, Betreiber der Spielevertriebsplattform Steam, haben ihren Sitz ohnehin in den USA. So bleibt das Maßnahmenpaket nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn die Betreiber in die Pflicht genommen werden sollen.

Verhindern lassen sich Terrorakte wie in Halle und Hanau aber kaum durch ein Mehr an Überwachung des Netzes. Erfolgversprechender wäre ein Konzept zur De-radikalisierung, das sich an Menschen richtet, die in den virtuellen Räumen aus ihrer Bewunderung für Täter wie Breivik keinen Hehl machen. Aber auch hierfür benötigen die Sicherheitsbehörden junge Mitarbeiter, die sich auf rechtsradikalen Plattformen wie 8chan oder 4chan bewegen und den dort verwendete Szene-Sprech entschlüsseln können. Nach dem Breivik-Schock gab man in Norwegen die Parole "mehr Offenheit" aus. Politische Bildung sollte hier ansetzen: Langfristig sollte schon in der Schule behandelt werden, wie man mit "Fake News", alternativen Medien und Verschwörungstheorien umgeht. Das Phänomen des "einsamen Wolfs" ist in jedem Fall komplexer, als es die politische Debatte derzeit widerspiegelt.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und Autor des Buches "Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter" (Hoffmann und Campe). Derzeit unterrichtet er an der Fachhochschule der Polizei Sachsen-Anhalt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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