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EDITORIAL
Jörg Biallas
Werte sind verloren

Ob jemand zum Mörder wird, weil er im Internet rechtsextremistische und ideologisch motivierte, hasserfüllte Inhalte konsumiert, ist nicht bewiesen. Dass dieser Schund aber vorhandene verquere Weltbilder bestätigen und Hemmschwellen sinken lassen kann, liegt auf der Hand. So war es bei den tödlichen Schüssen in Halle, so war es beim Amoklauf in Hanau. Und so war es mutmaßlich auch beim Anschlag auf den Regierungspräsidenten in Kassel.

Jetzt sollen Drohungen und Hass im Netz härter bestraft werden. Das ist weit mehr als Aktionismus infolge einer Serie unvorstellbarer Gewalttaten. Es ist ein längst fälliger Schritt zu einem besseren Schutz unschuldiger Menschen: Juden und Muslime, Ausländer und deutsche Amts- wie Ehrenamtsträger, Frauen und Homosexuelle. Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit wird in digitalen Medien beschimpft, beleidigt, bedroht. Hemmungslos und natürlich anonym. Höchste Zeit, dass der Gesetzgeber dem etwas entgegensetzt.

Allein: Das wird nicht reichen. Die Sprachkultur, die sich im Internet ungehemmt ausbreiten durfte, hat zu einem Verlust von Werten geführt. Gerade auch jüngere Menschen missbrauchen die Möglichkeiten des Netzes skrupellos. Beleidigende Videos missliebiger Lehrer werden per Smartphone weiterverbreitet und Mitschüler online für jedermann sichtbar diskreditiert. Das Unrechtsbewusstsein bei diesen mittlerweile alltäglichen Fällen ist ausgesprochen überschaubar. Schulen, vor allem aber auch Elternhäuser sind gefragt, dem etwas entgegenzusetzen. Wir brauchen endlich mehr Medienkunde in den Lehrplänen. Und zu Hause wäre es manchmal schon ein guter Anfang, wenn Vater oder Mutter wenigstens gelegentlich das Handy aus der Hand legen würden, um sich ausnahmsweise einmal wahrhaftig mit dem Nachwuchs zu beschäftigen.

Und die Politik? Bei allem Streit, der zur demokratischen Auseinandersetzung gehört, gibt es Grenzen verbaler Zumutbarkeit. Das gilt nicht nur innerhalb der Parlamente, sondern auch für die Außenwirkung von Wortbeiträgen. Wenn aus ideologischen Gründen missliebige Randgruppen phantasievoll verschmäht, Fehlverhalten einzelner Vertreter dieser Gruppen pauschalisiert und diese Menschen am Rednerpult offen beleidigt werden, ist das nicht hinnehmbar. Mit einem Debattenbeitrag ganz bewusst Zwietracht und Hass zu säen, ist kein Beitrag zur politischen Willensbildung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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