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USA
Dirk Hautkapp
Im Epizentrum

Präsident Donald Trump kämpft gegen Corona, Herausforderer Joe Biden um Aufmerksamkeit

Mehr als 85.000 Infizierte sind es am Freitag vergangener Woche gewesen, so viele wie nirgends sonst auf der Welt. 1.300 Tote in nicht einmal fünf Wochen. 3,3 Millionen Arbeitslosmeldungen binnen sieben Tagen. Ein staatliches Notprogramm für Bürger und Konzerne im Volumen von zwei Billionen Dollar: Acht Wochen, nachdem Präsident Donald Trump erstmals verkündete, Amerika habe das Coronavirus "unter Kontrolle" und "alles wird gut", überschlagen sich in den Vereinigten Staaten Superlative und Horror-Szenarien. Die Pandemie könnte nach Angaben von Epidemiologen in einigen Hotspots außer Kontrolle geraten.

Das Gesundheitssystem steht vor dem Ermüdungsbruch, weil die Patientenzahlen in Krankenhäusern explodieren. Vor allem in New York und Los Angeles, im Großraum Seattle und in New Orleans, wo die meisten Infektionen und Todesfälle zu verzeichnen sind, ist die Versorgung nach Aussagen der verantwortlichen Gouverneure kaum mehr gewährleistet. Es fehlt immer noch an elementaren Dingen wie Atemschutzmasken und Beatmungsgeräten. Die medizinischen Versorgungsketten sind unterbrochen, weil die Zentralregierung in Washington und die Bundesstaaten nicht harmonieren. Impfstoffe und verlässliche Medikamente gegen das Virus gibt es ohnehin noch nicht. Wirtschaft und öffentliches Leben liegen weitgehend im künstlichen Koma. Knapp 150 Millionen Amerikaner (Tendenz steigend) sind von unterschiedlich rigiden Ausgehsperren betroffen. Ökonomen sehen das Land vor dem Absturz - wenn nicht zügig gegengesteuert wird.

Genau das hat Präsident Trump vor. Bis Ostern sollen mit Ausnahme akuter Krisenherde wie New York landesweit wesentliche Einschränkungen gelockert werden. Die Therapie dürfe nicht schlimmer sein als die Krankheit, hat Trump erklärt. Kommentatoren im US-Fernsehen übersetzten dies so: "Damit der wirtschaftliche Motor nicht vollends abstirbt und auf lange Sicht Wohlstand für alle kostet, muss der Tod von Corona-Kranken hingenommen werden."

Abgesehen davon, dass die Gouverneure der Bundesstaaten und auf lokaler Ebene Bürgermeister über die Aufhebung von Eingriffen in die Bewegungsfreiheit entscheiden, melden Wissenschaftler Bedenken an. Anthony Fauci (79), der für fundierten Klartext bekannte Chef-Virologe des "Nationalen Gesundheitsinstituts" und seit der Reagan-Ära bevorzugter Berater von Präsidenten in solchen Krisen, hält die flexible Aufrechterhaltung des Prinzips "soziale Distanzierung" für notwendig, um die Ansteckungsrate zu senken. Fauci geht davon aus, dass es im Herbst/Winter eine zweite Corona-Welle geben wird. Tom Inglesby, Direktor des Zentrums für Gesundheit und Sicherheit der Johns Hopkins Universität in Baltimore, fürchtet bei frühzeitiger Lockerung der Restriktionen eine Katastrophe: "Das Virus würde sich breitflächig, rasant und schrecklich verbreiten, potenziell Millionen im kommenden Jahr töten mit riesigen sozialen und ökonomischen Folgen überall in Amerika." Der täglich in Pressekonferenzen mit Übertreibungen und Falschdarstellungen aufwartende Trump, der seine Wiederwahl im November in Gefahr sieht, gerät immer stärker unter Druck, auch wenn in einzelnen Umfragen bis zu 60 Prozent der Amerikaner mit seinem Krisen-Management bisher einverstanden sind.

So gilt es unter den meisten Medizinern und Wissenschaftlern als Allgemeingut, dass Trumps Bagatellisierung der Corona-Krise zwischen Mitte Januar und Mitte März, als er schließlich den nationalen Notstand ausrief, wertvolle Zeit gekostet und maßgeblich zu einem heute allseits beklagten Defizit beigetragen hat: Anders als in China, Taiwan und Südkorea blieb in den USA der Versuch aus, möglichst weite Teile der Bevölkerung zu testen. Einen belastbaren Überblick über die tatsächliche Verbreitung des Virus kann sich die Seuchenbehörde CDC nach eigenen Angaben darum immer noch nicht machen.

Dazu kommt: Anders als Trump behauptet, ist das Coronavirus nicht wie eine unerwartete Plage über Amerika gekommen. Vorgänger Obama hinterließ ihm 2017 ein 64-seitiges Handbuch, das sämtliche Gefahren einer eskalierenden Epidemie auflistete; samt Vorschlägen zur Prävention. Trump ließ stattdessen Personal im Nationalen Sicherheitsrat abbauen, das bis dahin als Frühwarnsystem für Epidemien fungierte. Mehr noch: 2019 führten US-Gesundheitsbehörden gemeinsam mit anderen Experten unter dem Namen "purpurne Seuche" über Monate eine breit angelegte Katastrophensimulation durch. Der Theoriefall ging von einem Virus aus, das aus China stammt, Bronchien und Lunge befällt, rund 100 Millionen Amerikaner infiziert und 500.000 sterben lässt. Ein ähnliches Szenario erstellten unter dem Stichwort "Ereignis 201" Experten der Johns Hopkins-Universität. Ob die Haupterkenntnis dieser Übungen - Amerika ist nicht ausreichend vorbereitet, um eine Epidemie zügig in den Griff zu bekommen - das Weiße Haus erreicht hat, ist offiziell nicht bekannt.

Joe Biden hat sich seine Meinung aber schon gebildet. Der im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur zurzeit mit über 300 Delegiertenstimmen vor seinem Widersacher Bernie Sanders liegende Altvizepräsident hat sich nach Tagen der medialen Abwesenheit zurückgemeldet. Aus einem improvisierten TV-Studio in seinem Haus in Wilmington/Delaware gibt der 77-Jährige mittlerweile Telekonferenzen mit Spendern, Medien-Interviews und hält Reden an die Internetgemeinde.

Sein Fazit: Trump möge in der Corona-Debatte schweigen und die Experten sprechen lassen. Die frühe Aufweichung der Ausgangsverbote, wie es Trump propagiert, hält Biden für "fatal", dringt damit aber bisher nicht wirklich durch. Für Biden wie für Sanders, der noch nicht aufgegeben hat, obwohl er rechnerisch im Kampf um die zur Nominierung auf dem Parteitag im Juli in Milwaukee nötigen 1991 Delegierten fast chancenlos ist, stellt Corona alles auf den Kopf. Kundgebungen und Händeschütteln mit dem Wähler sind verboten. Auch die vielen Tausend Helfer, die landesweit für Biden Klinken putzen, sind gestoppt. Aus Sorge vor Corona haben mittlerweile über zehn Bundesstaaten ihre Vorwahlen bis weit in den Juni geschoben. Niemand weiß heute, ob das reicht. Die demokratische Parteizentrale wirbt bereits für die generelle Umstellung auf Briefwahlverfahren.

Unter diesen Umständen Wahlkampf zu machen, die zerstrittenen Parteilager zu einen, Bernie Sanders mit ins Boot zu nehmen und sich als designierter Gegenspieler Trumps zu profilieren, fällt Biden schwer. Er hat nicht die Bühne des Amtsinhabers, der die täglichen Pressekonferenzen im Weißen Hauses zu kostenlos live im Fernsehen übertragenen Wahlkampf-Kundgebungen umfunktioniert hat. Strategen raten Biden dazu, so schnell wie möglich mit neuen Akzenten Medienaufmerksamkeit zu generieren und die Personalie Vizepräsidenten-Kandidaten zu klären. Biden hatte sich bereits auf eine Frau festgelegt. Gehandelt werden unter anderem drei Ex-Präsidentschaftskandidatinnen: die Senatorinnen Kamala Harris, Amy Klobuchar und Elizabeth Warren.

Der Autor ist US-Korrespondent der Funke-Mediengruppe.

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