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Italien
Christiane Büld
»Wir sind es gewohnt, uns ständig zu arrangieren«

In der Toskana wütet das Virus nicht so stark wie im Norden. Das Leben steht trotzdem still

"Andrà tutto bene - Alles wird gut." Diese Botschaft auf den bunten Kinderzeichnungen an Fensterscheiben und Balkonen soll Mut machen. Allerdings nimmt sie in der historischen Altstadt von Florenz derzeit kaum noch jemand wahr. Selbst tagsüber hasten nur vereinzelt Fußgänger durch die mittelalterlichen Gassen der Kunststadt, die Gesichter hinter einer Schutzmaske verborgen.

"Es tut weh, Florenz so verlassen zu erleben!" Irene Tendi konnte es gar nicht glauben, als sie kürzlich ihren Mann spät abends zu seiner Backstube im Zentrum brachte und sie erstmals die menschenleeren Plätze sowie die vielen geschlossenen Fenster der leer stehenden Ferienappartements sah. Sie selbst ist gerade erst mit ihrer Familie an den Stadtrand gezogen, weil sie die Besuchermassen und den nächtlichen Lärm der Studentenhorden nicht mehr ertragen konnte.

Das Coronavirus wütet in der Toskana längst nicht so verheerend wie in der Lombardei. Trotzdem ist auch hier das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen. Wie in ganz Italien darf nur noch in Bereichen gearbeitet werden, die als lebensnotwendig gelten: Landwirtschaft, Lebensmittelbranche, Gesundheitswesen. Bereits jetzt schätzt man den wirtschaftlichen Schaden auf 800 Millionen Euro - wöchentlich.

Auch Irene Tendi geht nur noch aus dem Haus, um einzukaufen und mit ihren beiden Hunden um den Block zu gehen. Ansonsten hat ihr Tag nur einen weiteren festen Termin: gemeinsames Lernen mit ihrer elfjährigen Tochter Giulia, die fünfmal in der Woche morgens per Videokonferenz drei Stunden Unterricht hat.

Anfangs hat Irene Tendi die neu gewonnene Zeit für sich und die Familie genossen. Doch mittlerweile bekommt auch ihre typisch italienische Gelassenheit erste Sprünge. Ihr fehlen die ausgedehnten Spaziergänge und der abendliche Aperitif mit Freunden. Vor allem gelingt es ihr kaum noch, ihre Sorgen um die Zukunft zu verdrängen. Vor sechs Jahren hatte sie ihren festen Job als Verkäuferin aufgegeben, um mehr Zeit für Giulia zu haben, seitdem arbeitet sie als Putzfrau in Privathaushalten. Da niemand Sozialabgaben für sie bezahlt, kann sie auch keine finanzielle Unterstützung vom Staat erwarten. Sie hofft, dass ihr zumindest die Kreditzahlungen für die Eigentumswohnung gestundet werden. "Noch habe ich Rücklagen. Doch ab Mitte April wird es eng."

Große Akzeptanz Wie Irene Tendi gehört auch die 60-jährige Maria Domenici zu den 90 Prozent der Italiener, die die rigiden Maßnahmen der Regierung als Notwendigkeit, die Allgemeinheit zu schützen ansehen. Daran haben selbst die vielen Unannehmlichkeiten, darunter das stundenlange Warten vor dem Supermarkt, nichts geändert. "Wir Italiener sind es gewöhnt, uns ständig zu arrangieren, wissen daher das Leben zu nehmen, wie es ist."

Sorgen bereitet der Hausfrau und Mutter dreier erwachsener Kinder allerdings ihre 85-Jährige Mutter. Deren Angst vor Ansteckungsgefahr ist so groß, dass die Witwe ihre Wohnung seit Ende Februar nicht mehr verlassen hat. Maria Domenici fährt zweimal in der Woche zu ihr und leistet ihr Gesellschaft; dabei ist selbst das nicht erlaubt, seitdem junge ehrenamtliche Helfer bereit stehen, um für die Senioren in der Nachbarschaft einzukaufen. Eine typisch italienische Eigenschaft, freut sich Maria Domenici. "In Krisensituationen zeigen wir uns stets von unserer besten Seite, wie die Balkon-Partys zeigen."

Die 35-jährige Köchin Ginevra Ercoli hat seit Beginn der Ausgangssperre keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt, um ihre sechs Monate alte Tochter Anita nicht zu gefährden. Sie glaubt, dass nach Corona die Normalität in ihrem Land eine andere sein wird. Schließlich habe schon jetzt die Digitalisierung Einzug in fast jede Familie gehalten, in Form von Homeoffice, Unterrichtsalternative oder als Kommunikationsersatz unter Freunden. Wenn Anita schläft, probiert auch sie daher aus, wie sich das Netz für ihre Cateringfirma mit regionalen und Bio-Lebensmitteln besser nutzen lässt, um bei Kunden in Erinnerung zu bleiben. Derzeit sind allerdings sämtliche Hochzeiten, Familienfeste und Firmenevents abgesagt.

Die Autorin ist freie Journalistin in Florenz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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