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Grossbritannien
Sebastian Borger
In schwerer See

Außerhalb der EU muss das Land seine Rolle neu finden

Anderswo sterben mehr Menschen, sind die Ausgangsbeschränkungen härter, nutzen Autokraten die Ausnahmesituation zum Ausbau ihrer Macht. Großbritannien aber war in der Karwoche ein besonderer Schock vorbehalten: Die Erkrankung des Regierungschefs an Covid-19 und seine Einlieferung auf die Intensivstation symbolisierte die Verletzlichkeit der Nation stärker als jede grimmige Auflistung von Infizierten und Verstorbenen. Plötzlich erhielt die Binsenweisheit ein Gesicht, wonach Sars-CoV-2 auch vor Mächtigen nicht Halt macht. Kollektiv hielt das Land den Atem an und wünschte Boris Johnson baldige Genesung.

Die Verunsicherung angesichts eines schwer erkrankten Premierministers fällt aus zwei Gründen besonders tief aus. In einer der zentralisiertesten Demokratien der Welt kommt es, erstens, in besonderer Weise auf den Bewohner der Londoner Downing Street an. Zweitens muss das Mutterland des einst weltumspannenden Empires nach dem Brexit seine Rolle im Inneren wie im Äußeren gerade neu bestimmen. Wie eng soll zukünftig die Anbindung an den größten Binnenmarkt der Welt ausfallen? Wie können die freundschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarn auf dem Kontinent die unvermeidliche Entfremdung überleben?

Viel Zeit, um diese Fragen zu klären, bleibt nicht, und der Ausfall des Premiers macht es nicht besser. Die Übergangsphase, in der EU und Großbritannien ihre künftigen Beziehungen klären wollen, endet am 31. Dezember. Die konservative EVP-Fraktion im Europaparlament sowie Wirtschaftslobbyisten und Handelsexperten halten diesen Zeitplan für hoffnungslos überambitioniert - doch trotz Corona-Pandemie, die alle Parteien zur Verhandlungspause zwingt, beteuert die konservative Regierung stets, an dem Termin nicht rütteln zu wollen.

Im Inneren des Königreichs droht der Brexit längst den Zusammenhalt zu sprengen. Die schottische Nationalpartei SNP drängt auf ein zweites Unabhängigkeitsreferendum, in Nordirland mehren sich die Stimmen für die Vereinigung mit der Republik im Süden. Und sogar in Wales wird erstmals seit langem ernsthaft über eine Abnabelung vom Londoner Zentralstaat diskutiert.

Im Wahlkampf hatte Johnson mit seinem Versprechen, Milliarden in Schulen, Krankenhäuser und die Polizei zu investieren, erfolgreich die Wählerschaft in den alten Industrie- und Küstenstädten umschmeichelt. Nur die Finanzierung kam kaum zur Sprache, ebenso wenig die Tatsache, dass die öffentliche Infrastruktur von der Regierungspolitik seiner konservativen Partei jahrelang sträflich vernachlässigt wurde.

Doch die Briten schätzen Kreativität und Experimentierfreude, und Johnsons Optimismus zog viele Wähler an - die Fähigkeit, Neues zu wagen, wird auf der Insel im Zweifelsfall höher bewertet als das Festhalten an vermeintlich Bewährtem.

Brutales Sparprogramm Ob mit oder ohne Johnson - die Verantwortlichen auf allen Ebenen müssen sich nun an ihrer Problemlösungskompetenz messen lassen, und das umso dringlicher angesichts der Corona-Pandemie. Im Kampf gegen das Virus kommen Schwachstellen und Versäumnisse zum Vorschein, die den noch bei den Unterhauswahlen im Dezember haushoch triumphierenden Konservativen schwer zusetzen könnten.

Vor allem das steuerlich finanzierte Gesundheitssystem NHS ist denkbar schlecht vorbereitet auf die Pandemie. Schon früh zeigte sich, dass durch das brutale Sparprogramm der vergangenen zehn - durchgehend konservativ regierten - Jahre allzu viele Intensivbetten abgeschafft worden waren. Wochenlang mangelte es außerdem an ausreichend Beatmungsgeräten und Tests auf Sars-CoV-2; in der Folge breitete sich das Virus zu schnell aus und zahlreiche Ärzte und Pflegepersonal mussten sich wegen diffuser Symptome in die Selbstisolation zurückziehen.

Doch in der Krise kommt auch eine typisch britische Tugend zum Vorschein: Was an Vorbereitung fehlt, wird durch ausgeprägten Improvisationsgeist wettgemacht. Binnen vierzehn Tagen bauten Armee und NHS-Logistiker das Ost-Londoner Kongresszentrum Excel zu einer Art Feldhospital um. Der NHS mit seinen 1,2 Millionen Mitarbeitern mag bürokratisch und schwerfällig wirken - in der Not funktioniert die zentrale Kommandostruktur.

Der harten Kritik der bewundernswert offen und schonungslos berichtenden Medien zum Trotz scharten sich die Briten Umfragen zufolge außerdem um den unsicher wirkenden Premierminister und sein unerfahrenes Kabinett. "Right or wrong, my country" - diese patriotische Devise aus Kriegszeiten gilt auf der Insel im Zweifel auch noch im 21. Jahrhundert.

Die Beobachtungen aus den ersten Wochen der Pandemie öffnen den Blick für weitere Stabilitätsfaktoren. Das Vereinigte Königreich ist global aufgestellt: als sechstgrößte Industrienation der Welt, als permanentes Mitglied des UN-Sicherheitsrates, als Mutterland der Empire-Nachfolgeorganisation Commonwealth mit ihren 54 Mitgliedern, die noch immer glänzend vernetzt sind. Ausgestattet mit einer ernstzunehmenden, weltweit einsetzbaren Berufsarmee und atomar bewaffnet stellt das Nato-Mitglied neben Frankreich die führende Militärnation Europas dar. Die Weltstadt London beherbergt auch nach dem Brexit das weltweit größte internationale Finanzzentrum.

Zu diesen "harten" Standortfaktoren gesellt sich die "soft power" kultureller Anziehungskraft. Die Weltsprache Englisch, der Sog elitärer Universitäten wie Oxford und Cambridge ("Oxbridge"), der weltweit anerkannte öffentlich-rechtliche Rundfunk BBC und die faszinierende Vielfalt von zeitgenössischer Kunst und (Pop)Kultur - kann ein derart gesegnetes Land anders als optimistisch in die Zukunft gehen? Zumal, wenn ihm als Staatsoberhaupt eine Königin dient, deren Pflichtbewusstsein im 69. Jahr ihrer Regentschaft viele Menschen ebenso fasziniert wie der glamouröse Lebenswandel der jüngeren Royals. Ihr Appell an den Durchhaltewillen der Nation erhielt besondere Resonanz, weil die 94-Jährige den Zweiten Weltkrieg durchlebt hat. Elizabeth II. und die Erbmonarchie stehen aber auch an der Spitze eines Staates, der enorme Ungleichheit und schreiende Ungerechtigkeit zulässt. Die Klassengesellschaft bleibt Realität. So verfügen die tausend reichsten Familien über ein Gesamtvermögen von umgerechnet 625 Milliarden Euro, während vier von derzeit 66 Millionen Briten der international üblichen Definition zufolge "in dauerhafter Armut" leben. Die Auslese beginnt früh: An den Elite-Unis einen Studienplatz zu ergattern, bleibt in erstaunlichem Ausmaß das Privileg junger Leute, für deren Schulbildung die Eltern sechsstellige Summen auszugeben bereit und in der Lage sind.

Wer im Königreich arm geboren wird, stirbt daher wahrscheinlich auch arm. Ob der Eton-Absolvent Johnson daran wirklich etwas ändern will? Ist der stets Frohsinn und Optimismus predigende Politiker zum sprichwörtlichen Bohren dicker Bretter überhaupt in der Lage? Wirtschaftsverbände verweisen mahnend auf die immense Verschuldung der Privathaushalte, die vergleichsweise niedrige Produktivität der Wirtschaft und die schlechte Allgemeinbildung britischer Schulabgänger. Auch die Klärung der schwierigen Frage der inneririschen Grenze ist durch den Austrittsvertrag nur verschoben.

Ungewisse Zukunft Vor dem Amtssitz des Premierministers - derzeit vertreten durch Außenminister Dominic Raab - türmen sich komplizierte Probleme. Denn mit dem Brexit nimmt das britische Staatsschiff Kurs auf unbekannte Gewässer. Da hilft es, dass die Briten im Geiste noch immer ein Seefahrervolk sind. Auf hoher See gehören Mut zu raschen Veränderungen und zum Risiko ebenso dazu wie dicker Nebel. In letzterem stochert herum, wer wissen will, wie es nach der angeblichen Rückgewinnung staatlicher Souveränität weitergehen soll.

Der Autor berichtet als freier Korrespondent aus London .

Aus Politik und Zeitgeschichte

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