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EDITORIAL
Jörg Biallas
Allein in der Krise

Die Prüfungen, die Europa zu bestehen hat, nehmen kein Ende. Erst zerbricht der Zusammenhalt der Gemeinschaft fast an der Finanzkrise. Dann sorgen Hunderttausende Flüchtlinge für eine Zerreißprobe innerhalb der Europäischen Union. Und als nach dem Brexit viele geglaubt hatten, viel schlimmer könne es ja nun nicht mehr kommen, überfällt das Corona-Virus den Kontinent und sorgt abermals für eine Krise, die an keiner Grenze Halt macht.

Die Lehre aus all diesen schwierigen Zeiten ist simpel: Je besser Europa zusammenhält, desto einfacher lassen sich die Herausforderungen bewältigen. In vielen Nationen hat sich diese Haltung mehrheitlich durchgesetzt. In anderen, leider, nicht. Allen voran Großbritannien. Die Bevölkerung dort hat sich für eine Zukunft ohne europäischen Rückhalt entschieden. Auch wenn vielen derer, die diese Entscheidung mitgetragen haben, inzwischen schwant, dass sie Opfer billiger Wahlkampftricks geworden sind, ist der Brexit beschlossen.

In der internationalen Coronakrise geht es sehr unmittelbar um Leben und Tod des Nächsten. Einfacher formuliert: Verweigert der Nachbar Hilfe, sterben Menschen. Deshalb ist es selbstverständlich, dass Krankenhäuser Notfall-Patienten grenzüberschreitend aufnehmen. Das gilt natürlich auch für britische Staatsbürger, trotz des Brexits.

Aber: Die Coronakrise ist nicht nur ein gesundheitliches, sondern in erheblichem Ausmaß auch ein wirtschaftliches Problem. Immer mehr zeichnet sich ab, dass viele der betroffenen Volkswirtschaften nicht in der Lage sein werden, aus eigener Kraft zu überleben. Das wiederum ist keineswegs nur das Problem dieser Nationen, sondern der gesamten Gemeinschaft. Deshalb ist es richtig, über internationale Hilfsprogramme nachzudenken.

Für eine Pandemie ist niemand verantwortlich. Sie ist nicht das Ergebnis schlechten staatlichen Wirtschaftens, eines Krieges oder innenpolitischer Machtkämpfe. Schuldzuweisungen sind also fehl am Platze. Stattdessen erfordert gerade diese Krise gemeinschaftlich abgestimmtes Handeln und entschlossene Solidarität. Es wäre eine ebenso bemerkenswerte wie tragische Windung der Zeitgeschichte, wenn ausgerechnet ein todbringendes Virus Europa-Skeptiker wie die Briten von den Vorteilen der Union überzeugen würde.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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