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Gastkommentare - Contra
Peter Thelen
Zu dünnes Eis

CORONA-REGELN LOCKERN?

A ngela Merkel hat ihre Regierungserklärung am Donnerstag genutzt, um erneut vor zu schnellen Lockerungen des Shut-Downs zu warnen. "Wir bewegen uns nach wie vor auf ganz dünnem Eis", sagte die Kanzlerin. Die Kritik an "Öffnungsdiskussionsorgien" hat sie nicht wiederholt. Aus gutem Grund. Diese Debatte muss weiter gehen. Die Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und sozialen und wirtschaftliche Kollateralschäden stellt sich immer neu. Doch ist das Eis in der Tat noch zu dünn, um den Schutz vor Corona vom Staat in die Hände des einzelnen Bürgers zu legen.

Der Seuchenschutz ist Staatsaufgabe, solange bis die Epidemie unter Kontrolle ist. Es ist erlaubt, wie FDP-Chef Christian Lindner zu klagen, dass Deutschland schlecht vorbereitet war und trotz entsprechender Pandemiepläne zu wenig Schutzausrüstung gelagert hatte, dass wir noch immer keine funktionierende und konsensfähige Tracing-App haben. Shut-Down und Social Distancing deshalb als Methoden des Mittelalters zu diffamieren, ist jedoch gefährliche parteipolitische Rhetorik, weil vorgaukelt wird, es gebe "freiheitlichere" Wege. Die stehen erst offen, wenn die Epidemie mit Tests und Verfolgung von Infektionswegen beherrschbar geworden ist. Der Braunschweiger Immunologe Michael Meyer Hermann sieht den Termin gekommen, wenn die Reproduktionsrate auf 0,2 oder 0,3 gesunken ist. Noch ist aber ungewiss, ob die beschlossenen Lockerungen nicht bereits zum Wiederanstieg der Rate auf über eins führen werden. Deutschland kann sich seine Vorsicht leisten - inklusive Entschädigung der Wirtschaft und Wiederankurbelungsprogramm nach der Krise. Grund genug, Zuversicht statt Panik zu verbreiten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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