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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Telefon-Verhandlerin: Kerstin Tack

K erstin Tack hatte ein Problem. Sie musste überzeugen, sah aber kaum die zu Überzeugenden. Es ging um eine Erhöhung des Kurzarbeitergelds: Die SPD trat dafür ein, die Koalitionspartner von der Union zeigten Skepsis - und Tack, 51, Sprecherin der Fraktion für Arbeit und Soziales, mittendrin. "Wir sind positiv optimistisch, dass wir zu einer Aufstockung kommen", hatte sie Anfang April gesagt; 750.000 Unternehmen haben bisher Kurzarbeitergeld beantragt.

Doch CDU und CSU äußerten Bedenken wegen der Belastungen für den Bundeshaushalt; die Arbeitgeberverbände sprechen von Leistungsausweitungen mit der "Gießkanne". In der vergangenen Woche versuchte Tack also Parlamentskollegen umzustimmen, ohne sie oft zu sehen, in dieser Corona-Zeit, welche bedeutet: Das Meiste wird übers Telefon verhandelt. "Mimik und Gestik sind ja hilfreich", sagt sie - am Telefon. "Nur zu telefonieren ist deutlich anstrengender, weil man sich halt nicht in die Augen schauen kann." Und so hoffte sie in ihrer Mission, dass man sich im Reichstag über den Weg läuft, am Rande des Plenums etwa. Die eine oder andere Verabredung war auch organisiert. "Eine Erhöhung wäre richtig und zwingend, denn möglichst viele Geringverdiener mit Kurzarbeitergeld sollten nicht auf die Grundsicherung angewiesen sein." Wegen Corona wechseln sich ihre Mitarbeiter stundenweise mit ihrer Präsenz ab, jeweils eine Kraft aus dem Abgeordnetenstab und aus der AG Arbeit und Soziales ist mit an Bord, "natürlich im anderen Zimmer".

Und schließlich findet die Koalition aus Union und SPD eine Einigung - in der Nacht vom vergangenen Mittwoch auf den Donnerstag. Arbeitnehmer in Kurzarbeit dürfen vom 1. Mai bis zum Jahresende mehr dazuverdienen. Zudem wird das Kurzarbeitergeld befristet angehoben: Gestaffelt nach der Bezugsdauer soll es auf bis zu 80 Prozent und für Eltern auf bis zu 87 Prozent vom Verdienstausfall erhöht werden. Demnach werden ab dem vierten Monat des Kurzarbeitergeldbezugs 70 oder 77 Prozent, ab dem siebten Monat 80 oder 87 Prozent des Lohnausfalls gezahlt.

Fürchtet sie nicht, dass durch solch eine Aufstockung das Kurzarbeitergeld für Unternehmen attraktiv wird, obwohl sie es nicht bräuchten? "Ich habe nicht den Eindruck, dass die Unternehmen nicht sorgsam mit diesem Instrument umgehen", antwortet Tack. Und rät zu einem Blick gen USA: "Die haben auf einmal 22 Millionen Arbeitslose, das wird bei uns nicht geschehen."

Mit den Erfahrungen von Arbeitnehmern kennt sie sich aus. Tack absolvierte eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notargehilfin in Wittingen, einem 140-Einwohnerdorf im "Zonenrandgebiet" des niedersächsischen Landkreises Gifhorn. Danach realisierte sie eine zweite Ausbildung, und zwar als Erzieherin - dann das Fachabitur und das Studium der Sozialpädagogik. Mit dem Umzug in die Universitätsstadt Hannover, sie war 20, begann auch ihr politisches Engagement. "In meiner Heimat gab es keine politischen Jugendgruppen, und ich kannte Leute aus Wittingen, die wie ich in die Landeshauptstadt gezogen waren und sich engagierten - da machte ich dann mit." Es waren die Falken, bei denen sie sich engagierte. Vier Jahre später wurde sie Bezirksvorsitzende, dann SPD-Mitglied. Wiederum 20 Jahre später, sie saß im Rat der Stadt Hannover, musste der Wahlkreis Hannover Stadt 1 neu besetzt werden. "Es waren mehr Überlegungen von anderen als von mir selbst", erinnert sie sich. Die Folge: 2009, 2013 und 2017 wurde sie jeweils direkt gewählt.

Ein Berufsleben außerhalb der Politik könne sie sich gut vorstellen. "Es ist nicht mein Ziel, bis zur Rente Abgeordnete zu sein." Aber bis dahin ist es noch Zeit. Nun steht erstmal Krisenmanagement auf der Agenda. "Die Bundesregierung agiert gerade vernünftig und nachvollziehbar", sagt Tack. "Ich habe in meinem Wahlkreis keinen einzigen Menschen getroffen, der den Fokus auf den Gesundheitsschutz nicht als richtig erachtet." Das nächste Telefongespräch wartet.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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