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FALL AMRI
Winfried Dolderer
Ein Gruß ins Jenseits: »Salut, ça va?«

Der Untersuchungsausschuss spürt Nachrichten auf dem Mobiltelefon des Attentäters vom Berliner Breitscheid-Platz nach

Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, war gerade mal vier bis fünf Stunden tot, als sich auf seinem Smartphone ein alter Bekannter meldete. Mit drei Worten auf Französisch: "Salut, ça va?", also: "Hallo, wie geht's?" Die Nachricht erreichte am 23. Dezember 2016 um 8.55 Uhr Amris HTC-Mobiltelefon, das sich seit knapp drei Tagen in Berliner Polizeigewahrsam befand. Absender war ein tunesischer Landsmann des Terroristen, ein gewisser Mouadh Tounsi alias "Momo1".

Die postume Nachfrage nach Amris Befinden zählt zu den bizarren und bis heute rätselhaften Episoden, die sich um die Geschichte des opferreichsten radikalislamischen Anschlags in Deutschland und seines Urhebers ranken. So wie der Umstand, dass der Lastwagen, den Amri am Abend des 19. Dezember 2016 in Berlin kaperte, um den Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu überrollen, zwei Tage zuvor im lombardischen Sesto San Giovanni auf die Reise gegangen war - dem Ort, wo der Täter 80 Stunden nach der Tat an einer Polizeikugel starb. Dass das Mobiltelefon, dem die Ermittler wesentliche Erkenntnisse über Amris Lebenswandel in den Wochen vor dem Attentat verdanken, nicht im Führerhaus des Lastwagens lag, sondern im Kühlerrost steckte. Oder auch, dass sich darauf zwei Fotos vom Tatort fanden, die erst Stunden nach dem Anschlag entstanden sein können.

IS-Publikation Die Frage "wie geht's?" beschäftigte in der vorigen Woche ausgiebig den Amri-Untersuchungsausschuss. Den AfD-Obmann Stephan Keuter hatte irritiert, dass sie nicht korrekt in zwei Worten formuliert war, also "ça va?", sondern sich wie "cava" las. Der Diplom-Betriebswirt und Bankkaufmann Keuter tauchte tief ein in die Geheimnisse der romanischen Philologie und stellte fest, dass "Cava" einerseits eine katalanische Sektmarke ist, andererseits auf Italienisch auch "Steinbruch" bedeuten kann. Wollte sich "Momo1" mit Amri an einem Steinbruch verabreden? Fragen über Fragen.

Dank des Mobiltelefons wissen die Ermittler immerhin, seit wann spätestens Amri mit "Momo1" in Verbindung stand. Am 10. November 2016 übersandte der Gewährsmann, der sich damals mit hoher Wahrscheinlichkeit in Libyen aufhielt, ein 143 Seiten umfassendes PDF-Dokument, eine Publikation des sogenannten Islamischen Staates (IS). "Frohe Botschaft zur Rechtleitung für diejenigen, die Märtyrer-Operationen ausführen", lautete der erbauliche Titel. Kein Handbuch mit praktischen Bomben-Tipps, vielmehr spiritueller Trost und seelische Stärkung für Möchtegern-Attentäter, erklärte Kriminalhauptkommissarin N.S. dem Ausschuss in der vorigen Woche. Interessierte Leser fanden hier feinziselierte theologische "Argumente" zur Begründung, warum es ein gottgefälliges Anliegen sei, Ungläubige abzumurksen.

Die Zeugin S. ist seit 2002 im Bundeskriminalamt (BKA) tätig, seit 2003 beim Polizeilichen Staatsschutz und dort seit 2005 mit der Abwehr des radikalislamischen Terrorismus befasst. Nach dem Breitscheidplatz-Attentat forschte sie in der ermittelnden Besonderen Aufbauorganisation (BAO) "City" nach Gewährsleuten Amris im IS. Die Terrororganisation habe sich die Betreuung ihrer in Ländern des westlichen Kulturkreises lebenden Anhänger einige Mühe kosten lassen, erläuterte sie. Der IS habe in seinen Herrschaftsgebieten über ein Netz von Mentoren verfügt, deren Aufgabe es war, die Schützlinge aus der Ferne zu Attentaten zu ermutigen, sie "emotional und ideologisch" zu begleiten sowie nach vollbrachter Tat die IS-Spitze zu informieren, damit diese sich zeitnah der Urheberschaft rühmen konnte.

Nachrichten gelöscht Mouadh Tounsi alias "Momo1" war offensichtlich Amris IS-Mentor. Die Bundesanwaltschaft hat wegen Beihilfe einen Haftbefehl gegen ihn erwirkt. Es ist unbekannt, wie und wann Amri mit ihm in Kontakt gelangte, geschweige denn, was die beiden zwischen Deutschland und Libyen über die Wochen miteinander auszutauschen hatten, denn Amri hat unmittelbar vor der Tat den gesamten vorherigen Chatverlauf gelöscht. Er war, wie ein weiterer Zeuge aus dem BKA, der Erste Kriminalhauptkommissar A.M., ihn schilderte, ohnehin ein extrem vorsichtiger und misstrauischer, "fast paranoider" Zeitgenosse, der seit dem 26. Oktober 2016 nicht weniger als 14 Mal sämtliche Nachrichten in seinem Telegram-Speicher vernichtete.

Kurz bevor Amri am Abend des 19. Dezember zur Tat schritt, öffnete er um 19.15 Uhr den Kanal zu "Momo1" ein weiteres Mal: "Bleib in Kontakt mit mir." Wenig später meldete er: "Ich sitze jetzt in der Karre." Danach schickte er ein Bild des Armaturenbretts. Als er gegen 20 Uhr den Weihnachtsmarkt erreichte, bat er den Chatpartner: "Bete für mich, mein Bruder."

Vorbild Nizza Dabei mag es Amri als göttliche Fügung empfunden haben, endlich losschlagen zu können. Spätestens seit dem Frühherbst 2016, meinte der Zeuge M., sei er davon "beseelt" gewesen, einen Anschlag zu verüben. Damals fand ihn sein französischer Kumpel Clément Baur "fasziniert" von dem Attentat in Nizza, wo im Juli ein Schwerlaster über die Uferpromenade gebrettert war. Seit dem 28. November habe Amri täglich nach einem geeigneten Gefährt gesucht. Dass er an jenem Dezemberabend fündig werden würde, habe er noch am Nachmittag nicht ahnen können.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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