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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Beschwingte: Franziska Brantner

E insame Schritte hallen in den Fluren des Reichstagsgebäudes. Es ist Freitag, aus dem Plenarsaal rauscht Franziska Brantner, für eine halbe Stunde in den leeren Cafésaal der Abgeordneten - dann muss die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen wieder zurück, sie hat Plenardienst. "Da muss ich aufpassen, dass alles gut läuft", sagt sie, in dieser verrückten Woche, es geht um Wahrung der Präsenz und den reibungslosen Ablauf der Sitzungen. Eigentlich war Brantner in diesen Tagen weniger als Fraktionsmanagerin unterwegs, mehr als Europäerin. Es ist die Woche, in der die EU-Kommission ihre Pläne zur Corona-Hilfe auf den Tisch legte, 750 Milliarden Euro, davon 500 Milliarden als Zuschüsse.

Brantner, 40, lehnt sich zurück, als sie sagt: "Von der Leyen." Die habe gewusst, dass sie sich bewähren müsse, angesichts der Fliehkräfte in der EU: "die nationalen Alleingänge, die zunehmende Spaltung in Arm und Reich."

Die badische Abgeordnete ist auch europapolitische Sprecherin ihrer Fraktion, schaut gern erstaunt, und während der Zuschauer sich noch fragt, wie viel Ironie dahintersteckt (und eine Menge vermutet), weiten und verengen sich ihre Augen schon wieder. Kein Wunder, dass ihr das Halten von Reden mit Atemmasken wenig behagt. Brantner spricht nicht nur mit Worten.

"Wer das rein ökonomisch anschaut, erkennt: Es geht gar nicht anders", sagt sie mit Blick auf den Kommissionsplan. "Die internationalen Märkte liegen danieder, eine Erholung muss also über den europäischen Markt geschehen - auf den haben wir immerhin Einfluss." Die Kanzlerin habe gerade noch die Kurve gekriegt, "nach Wochen des gewohnten Zauderns". Nun müsse Merkel mit Beginn der deutschen Ratspräsidentschaft ihr ganzes politisches Gewicht einbringen, damit der Plan gelingt: "Noch vor Sommer sollten alle Regierungen und Parlamente in der EU zugestimmt haben." Dass das Treffen der EU-Regierungschefs Mitte Juni noch per Videoschalte abläuft, hält die ausgebildete Mediatorin für einen "Erschwerungsfaktor". "Da fehlt der Austausch von Blicken, das vor die Tür Gehen, einen Kaffee trinken". Der letzte Schritt müsse daher nicht-virtuell gegangen werden. "Ich bin optimistischer als vor einem Monat."

Aus dem Dreiländereck des Südwestens stammend, überrascht ihre europäische Orientierung nicht. Die Heimatstadt Neuenburg war im Krieg zerstört worden, zum Einkaufen fuhr die Familie samstags über die Grenze nach Frankreich. "Ich war 15, als man dafür keinen Ausweis mehr brauchte. Das war toll." Zur Schule gelangte Brantner in einem französischen Militärbus; Abitur an einem deutsch-französischen Gymnasium, dann Doppelstudium der Politikwissenschaft an der Sciences Po in Paris und an der Columbia University in New York. Der Blick auf den weiteren beruflichen Lebenslauf lässt schwindeln: Beraterjobs bei den Vereinten Nationen, einer Denkfabrik und einer Stiftung. Dann mit 30 Jahren Einzug ins Europäische Parlament, Promotion und 2012 Nachfolgerin von Fritz Kuhn als Abgeordnete im Bundestag. Angefangen aber hatte alles mit dem Drang, zu verändern und zu gestalten. Brantner war 17, als sie der Grünen Jugend beitrat.

Auch die Arbeit in der Wissenschaft winkte. "Das wäre mir aber zu einsam gewesen." Die vielen Mitgliedschaften und Engagements, das Netzwerken: "Ich hab schon ein Talent dafür, bin gern im Austausch mit Menschen. Das gibt mir Kraft."

Wird Merkels Kraft ausreichen, um den Hilfeplan durchzusetzen? "Corona ist letztlich ein Wendepunkt für uns alle. Die EU muss stärker daraus hervortreten. Das werden alle verstehen. Die Frage ist nur, wie schnell diese Erkenntnis um sich greift."

Ein Blick auf die Uhr an der Wand. Gleich muss sie los. Dass die Milliarden nach Kriterien ausgezahlt werden sollen, unterstützt Brantner. "Klima, Digitalisierung, Resilienz und die Einhaltung von Demokratie", fasst sie die Kernpunkte zusammen. "Und das Europäische Parlament sollte Co-Entscheider sein." Dann eilt sie zurück in den Plenarsaal.Jan Rübel

Aus Politik und Zeitgeschichte

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