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Aufgekehrt
Claus Peter Kosfeld
Kein L für ein U

Die Zinsen sind weg, daher empfehlen Vermögensberater, das Volk sollte Aktien kaufen. Sachwerte. Nun sollen wir tatsächlich alle Aktionäre eines Luftfahrtkonzerns werden, der mit seiner schlichten Eleganz und dem Kranich im Logo unser Basisvertrauen anspricht. "Lusthansa" pflegte eine gute Freundin zu sagen und aalte sich wohlig in Erinnerungen an einen Kulturtrip nach Mallorca in den 1970er Jahren, als der Ballermann-Tourismus noch keinen Namen hatte, geschweige einen Ruf.

Als vergangene Woche die erste Test-Charge an deutschen Post-Corona-Touristen die Balearen heimsuchte, war die Freude allseits groß, die Hoteliers klatschten (und dachten sich ihren Teil), die Presse berichtete, die Corona-Abenteurer müssen sich gefühlt haben wie Magellan auf der Suche nach den Gewürzinseln. Der Mallorca-Tourist war immer schon ein schräger Vogel, der genau wusste, was er nicht wollte: Ruhe und Abstand. Dabei ist es geblieben. Kaum aus dem Flieger, antwortete eine junge Frau auf die Frage eines Reporters, wie sie auf der Sonneninsel zu tun gedenke: "Trinken, trinken, trinken."

Alkohol ist auch eine dankbare Lösung, wenn es darum geht, die Spätfolgen der staatlichen Aktienkultur gedanklich zu bewältigen. Die sogenannten Charttechniker an der Börse raunen sich neuerdings seltsam anmutende Dinge zu: "Kann ein V werden" oder "Ich befürchte ein U", Schrecken verbreitet das L: Abschwung, Rezession, Crash. Als Kinder haben wir Buchstabensuppe bekommen und unsere Namen gesucht, da gab es keine Pandemie, Geld für Aktien hatten wir ohnehin nicht. Wenn wir Pech haben, finden wir heute nur noch ein L, die kalte Suppe können dann unsere Enkel auslöffeln.Claus Peter Kosfeld

Aus Politik und Zeitgeschichte

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