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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Humorvolle: Matthias Hauer

A m Tag zuvor hat Matthias Hauer den Plenarsaal abgeschlossen. So nennt er es, weil er die letzte Rede des Sitzungstages gehalten hat, um 20:20 Uhr war er zu Ende. Hauer, 42, CDU-Abgeordneter aus Essen, bevorzugt eine dezente Portion Humor in seinen Worten. Die Regierungserklärung Angela Merkels, von der er gerade kommt? "Ihre Reden nehmen einen immer mehr mit." Und als er mal bei einer eigenen Rede im Plenarsaal umfiel, im November 2019? "Meinen ersten Krankenhausaufenthalt in meinem Leben habe ich mir weniger spektakulär vorgestellt."

Damals war viel zusammengekommen, eine Parlamentarierreise nach Südamerika, danach Bahnfahrt, wenig Schlaf und dann Rückenprobleme, weswegen er kurz zuvor die Parlamentsärztin aufgesucht hatte. "Seitdem trinke ich mehr Wasser vor einer Rede", lacht er. Ernährt sich bewusster und geht zwei, drei Mal in der Woche frühmorgens Schwimmen; seit Corona halt Joggen. Der rote Balken auf seiner Smartwatch, auch eine Folge des Schwächeanfalls, signalisiert ihm: Ein Viertel seines täglichen Bewegungsziels hat er erreicht. Es ist 9:47 Uhr, in der Cafeteria des Bundestags nimmt er einen Schluck Kaffee. Es ist die Woche der ersten Beratung vom "Corona-Konjunkturpaket" - 130 Milliarden Euro auf 57 Punkte verteilt. Was sagt der Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht dazu? "Ich war erstmal überrascht, dass so viele gute Themen gelöst wurden", sagt er. Hauer sitzt im Finanzausschuss und im Ausschuss Digitale Agenda. "Oft gibt es ja eher kleine Lösungen für große Themen, aber hier sind viele über ihren Schatten gesprungen." Am wichtigsten sei ihm die Entlastung der Kommunen bei den Sozialausgaben, "das klingt nicht schlagzeilenträchtig, aber damit fängt eine Gestaltungsfähigkeit erst an - und Städte müssen investieren können."

Hauer kennt die Probleme von Städten. Die Kommunen des Ruhrgebiets gelten nicht als die Krösusse unter Deutschlands Städten. Für Hauer ist diese Entlastung "eine Frage der Gerechtigkeit". Die Einschränkung der Mehrwertsteuer begrüßt er ("Geringere Preise fördern Konsum") ebenso wie die kalte Schulter gegenüber der Autoindustrie und ihrer Forderung nach einer Kaufprämie ("Wir müssen jetzt vielen Branchen helfen").

Mit 15 Jahren trat er in die Junge Union ein. Seitdem macht er Politik, seit 2013 professionell, als er den Wahlkreis als alte Bank der SPD für sich entschied. Es war das einzige Direktmandat der CDU im Ruhrgebiet. "Das verleiht meinem Amt nicht mehr Gewicht und macht mich auch nicht besser", wehrt er mit Blick auf seine Kollegen ab, die über die Liste in den Bundestag eingezogen sind. Hauer ist nicht von kleiner Statur, macht sich aber nicht größer, als er ist. Im Bundestag fehlte er bei keiner Sitzung, meldete sich nicht krank - bis zum November 2019. Der Umfaller am Rednerpult machte ihn bundesweit bekannt. "Ich würde mir wünschen, dass die Hintergrundarbeit an Gesetzen eine stärkere Beachtung findet", sagt er dazu. Im öffentlichen Interesse für Spektakuläres erkenne er indes keinen jüngeren Trend. "In der Corona-Krise sah man das Vertrauen in den Staat", sagt er, "das ist eine erfreuliche Tendenz".

Weniger staatstragend gibt er sich auf Twitter. Da sieht er mitunter ein "Verhunzen der deutschen Sprache", wenn jemand "Steuerzahler*innen" sagt. "Bürger haben Anspruch auf eine klare Ansprache, Politik muss unterscheidbar sein", sagt er dazu. In der Großen Koalition tue Disziplin not, nicht alles könne man in der eigenen Fraktion durchsetzen, und die nicht alles im Bündnis mit dem Regierungspartner. "Dann kann man ja sagen, wie man es selber gemacht hätte, ohne Koalitionszwang", sagt er mit Blick auf sein Engagement in den Sozialen Medien.

Gewisse Unabhängigkeiten bewahrt er sich auch im Plenarsaal. Er stimmte für die Ehe für Alle, aber gegen das dritte Griechenland-Paket. Der rote Balken auf seiner Uhr leuchtet auf. Bewegung ist angesagt. Hauer steht auf, für einen Anruf. Und geht nach draußen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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