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Tourismus
Winfried Dolderer
Mal nicht in die Ferne schweifen

AfD-Fraktion will Urlaub in Deutschland fördern

Stell dir vor, du fährst für mindestens eine Woche in den Urlaub, und der Staat bezahlt die erste Übernachtung. Eine reizvolle Vorstellung aus Sicht der AfD-Fraktion, vorausgesetzt, die Ferien finden im Inland statt. "Machen Sie den Menschen in unserem Land wieder Lust auf Urlaub in Deutschland. Sorgen Sie dafür, dass unser wunderschönes Land bereist wird", warb Sebastian Münzenmaier (AfD), Vorsitzender des Tourismusausschusses, in der vorigen Woche im Plenum für einen Antrag seiner Fraktion. Die AfD hofft, auch auf diese Weise einer von der Corona-Krise ins Mark getroffenen Branche auf die Beine zu helfen: "Dieser Shutdown wurde von der Regierung verschuldet!"

Weil den Antragstellern besonders gebeutelte Unternehmen und Regionen am Herzen liegen, wollen sie den Zuschuss um zehn Prozent erhöhen, wenn der Urlaub über ein Reisebüro gebucht wird, und um weitere zehn Prozent, wenn er in einem der fünf Bundesländer mit den 2019 niedrigsten Übernachtungszahlen stattfinden: "So hilft man einer Branche, die unverschuldet in die Knie gezwungen wurde", sagte Münzenmaier. Ein Dorn im Auge sind der AfD auch die "pauschalen" Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes für Länder außerhalb der EU, deren Aufhebung sie in einem weiteren Antrag verlangt.

Reisefreiheit "Sie übertreffen die Linksfraktion, für mich klingt das nach Planwirtschaft", ätzte in der Debatte die Christdemokratin Heike Bremer über eine aus ihrer Sicht überflüssige Idee. Deutschland sei ohnehin mit oder ohne Corona für Deutsche das beliebteste Reiseland mit einem Anteil von 30 Prozent auf dem Heimatmarkt: "Wohin wir reisen können, lassen wir uns von keinem vorschreiben." Schon für die "Freiheitsbewegung in der DDR" sei Reisefreiheit "eine zentrale Forderung" gewesen. Im Übrigen gelte: "Die AfD ist in meinen Augen kein Botschafter für unsere Tourismusbranche."

Deutschland sei ein "großartiges Urlaubsland", bekannte der Liberale Marcel Klinge, dennoch könnten "nicht alle Menschen gleichzeitig bei uns Urlaub machen". Die Reisebüros, deren Schicksal den Antragstellern offenbar so nahegehe, lebten großenteils vom Auslandsgeschäft. Warum also nur Reisen in Deutschland, warum nicht "Werbung machen für Reisen insgesamt"? Weiter hielt sich Klinge mit der AfD nicht auf. Die schwer leidende Branche hätte nach seinen Worten einen Wirtschaftsminister verdient, der "ihre Anliegen unterstützt". Bekommen habe sie Peter Altmaier (CDU), der in der Krise "Apathie" und "Tatenlosigkeit" verströme: "Wo bleibt der Tourismus-Gipfel im Kanzleramt? Wo bleibt die Hilfe für die gesamte Gastronomie?"

Für die SPD konstatierte Gabriele Hiller-Ohm, dass die AfD "selbst im Tourismus für Deutschland nichts Wegweisendes zu bieten hat". Die Reisewarnungen seien zum Schutz der Urlauber gedacht, im Übrigen von begrenzter Bedeutung: "Es gibt kein Reiseverbot. Auf eigenes Risiko kann jeder überall hinreisen." Dem Antrag zum Deutschland-Tourismus sei nur zu entnehmen, dass "wie so oft" die Wirklichkeit der AfD "einen großen Schritt voraus" sei. Die geforderte Werbekampagne für mehr Urlaub in Deutschland habe der Deutsche Tourismus-Verband längst auf den Weg gebracht. Die Idee, Urlaubern Zuschüsse zu zahlen, nannte Hiller-Ohm "undifferenziert" und "unsozial, für uns inakzeptabel".

Bedürftige Familien Ähnlich argumentierte für Die Linke Sabine Zimmermann: Nicht Staatsgeld für alle, vielmehr Reisegutscheine von 500 Euro für jedes Kind aus bedürftigen Familien seien geboten. Schließlich könne sich ein Siebtel der Bevölkerung ohnehin keinen Urlaub leisten. Auch Campingplätze und Jugendherbergen bräuchten "endlich konkrete Hilfe". Das Bild dieses Sommers sei im Übrigen ein anderes als im AfD-Antrag gezeichnet: "Am Ostseestrand und in den Alpen tritt man sich schon auf die Füße, selbst an wenig beliebten Urlaubsorten wird es schwer, den Abstand zu halten."

Der Christsoziale Paul Lehrieder schließlich warb für Urlaub in seinem sehenswerten Wahlkreis: "Ich lade Sie alle herzlich ein, mal nach Würzburg zu kommen und einen Schoppen zu trinken."Winfried Dolderer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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