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Gastkommentare - Contra
Patrick Bahners
Verzerrtes Bild

Soll es Beweisumkehr bei Restitution geben?

M an kennt die Umkehr der Beweislast aus der Bekämpfung des organisierten Verbrechens. Diesem Modell entspricht auch die Umsetzung der 1998 in Washington vereinbarten Prinzipien zum nationalsozialistischen Raubgut. Danach muss die öffentliche Hand den sauberen Erwerb aus den Akten beweisen, denn von 1933 bis 1945 regierten in Deutschland Staatsverbrecher. Dieses Prinzip nun auf den gesamten Besitz öffentlicher Museen zu übertragen, müsste in heillose Verwirrung führen. Das Geschichtsbild, das sich aus der scheinbar rein administrativen Maßnahme ergäbe, wäre so grotesk verzerrt wie das dabei vorausgesetzte Bild vom Sinn und Zweck von Museen. Alle im Schutz der Kolonialmächte unternommenen Expeditionen würden unterschiedslos als Handlungen von der Art der nationalsozialistischen Völkermorde deklariert. Nicht nur würde die Regelvermutung des Raubs die Motive der Sammler in primitiver Weise vereinfachen, sie würde auch die Urheber der Werke entwürdigen und moralisch erst wirklich enteignen. Ihnen wird gar nicht erst zugetraut, dass sie wussten, was sie taten, als sie die Produkte ihrer Arbeit aus der Hand gaben, und dass sie dafür einen Gegenwert erhielten. Die Museumsdepots werden in dieser Sicht zu gigantischen Hehlerlagern. Eine Rückabwicklung aller Erwerbungen würde nur eine neue Klasse von Eigentümern privilegieren, die mit den Hofkünstlern untergegangener Reiche nicht mehr verbindet als die Museen, die zur Herausgabe gezwungen würden. Es ist ein Fehler, ein Museum als einen Eigentümer wie jeden anderen zu behandeln. Museen konservieren ihren Besitz im Interesse der Allgemeinheit, für zukünftige Besucher aus aller Welt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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