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VÖLKERMORD
Susanne Kuß
Krieg ohne Tabus

Bei der Niederschlagung afrikanischer Widerstandsbewegungen in den deutschen Kolonien waren extremer militärischer Gewalt keinerlei Grenzen gesetzt

In zwei großen Kolonialkriegen schlug das deutsche Kaiserreich in Afrika Widerstandsbewegungen nieder: von 1904 bis 1907 in Deutsch-Südwestafrika - dem heutigen Namibia - sowie von 1905 bis 1908 in Deutsch-Ostafrika, das etwa das Gebiet der heutigen Staaten Tansania, Burundi und Ruanda umfasste. Beide Kriege wurde von Seiten der deutschen Truppe mit großer Brutalität gegen die einheimische Bevölkerung geführt. Der Ausübung extremer militärischer Gewalt waren keinerlei Grenzen gesetzt, da kein Mittel der Kriegführung tabuisiert war, auch nicht das des Völkermords. Ein Genozid war in Kolonialkriegen immer möglich.

»Züchtigungsrecht« Die Kolonien befanden sich insofern in einer permanenten Kriegssituation, als die Kolonialherren beinahe täglich lokalen Widerstand bekämpfen mussten. Ein großer Kolonialkrieg entstand immer dann, wenn sich die kriegerischen Handlungen über längere Zeit hinzogen, die Kämpfe sich räumlich ausdehnten und Truppen aus der Metropole zum Einsatz kamen. Für die Einheimischen war die Kolonie ein Ort alltäglich erfahrener Gewalt. Zum Sinnbild hierfür ist in den deutschen Kolonien in Afrika das sogenannte "väterliche Züchtigungsrecht" geworden. Das koloniale Rechtssystem, basierend auf rassistisch-dehumanisierendem Denken, schützte die Weißen, nicht aber die Afrikaner. In dieser strukturellen Ungleichheit lagen die Ursachen des Widerstandes und damit der Kolonialkriege, wenn auch die jeweiligen Anlässe unterschiedlich waren.

Deutsch-Südwestafrika war 1884 zur deutschen Kolonie geworden und von Gouverneur Theodor Leutwein ab 1894 als Siedlungskolonie konzipiert worden. Aus diesem Grund waren Herero und Nama zunehmend enteignet worden und ihr Land in die Hände deutscher Siedler übergegangen. Die Situation der Herero verschärfte sich durch eine Malaria-Epidemie, eine Rinderpest und die Einführung einer neuen Kreditverordnung. Hingegen fühlten sich in Deutsch-Ostafrika, das 1885 in deutschen Besitz genommen worden war, die im Süden der Kolonie lebende Bevölkerung durch die Einführung einer Kopfsteuer im März 1905 in ihrer Existenz bedroht. Hinzu kam der von Gouverneur Gustav Adolf von Götzen festgeschriebene Arbeitsdienst für afrikanische Männer auf den Baumwollpflanzungen der deutschen Administration.

Während in Deutsch-Südwestafrika im Januar 1904 zunächst die Herero den Krieg begonnen hatten und sich die Nama erst im Oktober anschlossen, verbündeten sich in Deutsch-Ostafrika im Kampf gegen die deutschen Kolonialherren von Anbeginn sehr unterschiedliche ethnische Gruppen. Das einheitsstiftende Element war der Kult um das Majimaji (Swahili für Wasser), das den afrikanischen Soldaten gegen die Gewehre der Kolonialtruppe Unverwundbarkeit garantieren sollte. Im Namen des Kultes wurde ein Netzwerk geschaffen, in dem Amulette ebenso weitergegeben wurden wie kriegswichtige Informationen.

Gemeinsam war beiden Kriegen, dass sie für die deutsche Kolonialherren überraschend gekommen waren. In Deutsch-Südwestafrika mochte Theodor Leutwein kaum glauben, dass Samuel Maharero, mit dem er ein in seinen Augen freundschaftliches Verhältnis pflegte, den Krieg begonnen hatte. In Deutsch-Ostafrika hatte Gustav Adolf von Götzen die im Sommer zunehmenden Meldungen über kleinere Widerstandsbewegungen im Süden zunächst unterschätzt. So waren in beiden Kolonien bei Beginn der Kriege kaum Schutztruppen vor Ort, weshalb die Afrikaner zunächst große militärische Erfolge verbuchen konnten. In Deutsch-Südwestafrika belagerten die Herero größere Ortschaften und unterbrachen die Eisenbahnlinie von Swakopmund nach Windhoek. In Deutsch-Ostafrika breitete sich der Krieg, ausgehend von den Matumbi-Bergen, sehr schnell in Richtung Norden aus.

Eine weitere Gemeinsamkeit war, dass beide Kolonialkonflikte als konventionelle Kriege begonnen hatten und dann in einen Guerillakrieg übergegangen waren. Dieser war weder durch Massenheere noch durch Offensiven oder Stellungskriege gekennzeichnet, sondern durch Terror und Gegenterror, Abschreckung und Demoralisierung. Um diesen Krieg zu beenden, wandten die deutschen Truppen die alle Ressourcen zerstörende Strategie der verbrannten Erde an und begangen Gewalthandlungen in Form von Requisitionen, Kontributionen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Massakern, Kettenhaft, Hinrichtungen, Internierungen in Gefangenenlagern sowie Deportationen.

Doch ein genauerer Blick auf den Ablauf beider Kriege zeigt auch, dass die Kämpfe in Deutsch-Südwestafrika für den Generalstab in Berlin eine andere Bedeutung hatte als die in Deutsch-Ostafrika. So waren viel mehr Soldaten aus der Metropole eingesetzt worden. Nach und nach stieg ihre Zahl auf 14.000 Mann an. Dagegen kämpften in Deutsch-Ostafrika überwiegend Askari, das waren afrikanische Soldaten in deutschen Diensten.

In Deutsch-Südwestafrika war zudem das militärische Oberkommando im Juni 1904 an Generalleutnant Lothar von Trotha gefallen, der dem Kaiser und dem Generalstab in Berlin als Hardliner bekannt war. Nach dem Scheitern der Vernichtungsschlacht am Waterberg im August 1904 ordnete von Trotha die rücksichtslose Verfolgung der fliehenden Herero in der Omaheke-Wüste an. Im Oktober 1904 verkündete er dann die sogenannte Vernichtungsproklamation, nach der keine Gefangenen gemacht werden sollten und selbst Frauen und Kindern keine Gnade gewährt werden sollte. Die Proklamation wurde zwar wenige Wochen später auf Anordnung des Kaisers zurückgenommen, doch in den daraufhin gebauten Gefangenenlagern starben viele der inhaftierten Herero und Nama an systematischer Vernachlässigung. Die Lager waren nicht nur von militärischen, sondern auch von zivilen Stellen geführt worden.

Sonderstellung Der Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika nimmt in dem aktuellen wissenschaftspolitischen Diskurs insofern eine Sonderstellung ein, als nur er als Genozid bezeichnet wird. Es stellt sich die Frage, warum die beiden Kolonialkriege so unterschiedlich eingeordnet werden. In Deutsch-Südwestafrika kamen mindestens 70.000 Einheimische ums Leben; für Deutsch-Ostafrika belaufen sich die Schätzungen auf durchschnittlich 300.000 Todesopfer. Doch Opferzahlen helfen nur bedingt weiter. In absoluten Zahlen ausgedrückt wurden im Majimaji-Krieg wesentlich mehr Menschen getötet als in Deutsch-Südwestafrika, wo selbst bei niedrigsten Schätzungen 50 bis 60 Prozent der Herero und Nama ums Leben kamen. Vielmehr muss der jeweilige Kriegsschauplatz und dessen Bedeutung im zeitgenössischen nationalen und internationalen Diskurs fokussiert werden: Von der zivilen und militärischen Führung als Siedlungskolonie geplant, aus der die Afrikaner verschwinden sollten, wurde Deutsch-Südwestafrika zu einem Ort des Genozid.

Die Autorin ist Geschichtsprofessorin an der Pädagogischen Universität Freiburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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