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Deutsch-Südwestafrika
Johanna Metz
Verdrängter Genozid

Der Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia ist bis heute nicht aufgearbeitet. Der Regierungsdialog zieht sich seit vier Jahren hin, bei den Nachfahren schwindet die Geduld

Sima Luipert steht mit den Füßen im Sand, den Blick für ein Foto ernst in die Kamera gerichtet. Rund um ihre Schuhe ragen Gesichter aus Ton aus der Erde, sie sehen aus wie Totenmasken. "Der Völkermord an den Herero und Nama wurde lange geleugnet. Das muss aufhören", sagt sie leise, während sie behutsam um die Köpfe herumläuft, die eine Künstlerin aus Namibia in der Berliner Akademie der Künste im Sand vergraben hat. Sie sollen an den Genozid vor mehr als hundert Jahren im damaligen Deutsch-Südwestafrika erinnern.

Für Luipert, geboren in Namibia und Vize-Vorsitzende des Verbands der traditionellen Nama-Führer (NTLA), ist es der erste Besuch in dem Land, dessen Vorgängerstaat, das Deutsche Kaiserreich, verantwortlich ist für den tausendfachen Mord an ihrem Volk. Unter dem Motto "Nicht über uns, sondern mit uns!" wird sie in den folgenden zwei Wochen zusammen mit der Herero-Aktivistin Esther Utjiua Muinjangue durch Deutschland reisen, um den Forderungen ihrer Stämme Nachdruck zu verleihen: "Die Bundesregierung muss den Völkermord an den Herero und Nama offiziell anerkennen und dafür um Entschuldigung bitten." Mit Blick auf die seit 2015 zwischen Deutschland und Namibia laufenden Regierungsverhandlungen zur Aufarbeitung ergänzt sie: "Die Bundesregierung muss vor allem endlich mit den Betroffenen verhandeln und nicht mit einem Staat, der niemals Teil des Problems war."

Bei den Nachfahren der Opfer schwindet die Geduld. Denn vier Jahre nach Beginn des Dialogs mit Namibia und fast zwölf Jahrzehnte nach dem für die Wissenschaft ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts sind beide Forderungen nicht erfüllt.

»Behandelt wie Tiere« Die Wunden sitzen tief. Der von den deutschen Kolonialherren verübte Genozid hat zwischen 1904 und 1908 schätzungsweise 80.000 Herero und 20.000 Nama in Deutsch-Südwestafrika das Leben gekostet. Sie starben in eigens errichteten Konzentrationslagern, wurden willkürlich erschossen oder erhängt oder verdursteten in der Omaheke-Wüste, in die der damalige Gouverneur der Kolonie, Generalleutnant Lothar von Trotha, Tausende Herero treiben ließ. Sie hatten sich in Aufständen gegen den Raub von Land und Vieh gewehrt, von Trotha erklärte den Aufständischen daraufhin den Krieg und erließ im Oktober 1904 den sogenannten Vernichtungsbefehl: "Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen." In einem Brief an Generalstabschef Graf von Schlieffen erklärte er drei Tage später: "Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muß."

Luiperts Urgroßmutter Katrina wurde wie Tausende in das berüchtigte Konzentrationslager auf der Haifischinsel deportiert. "Die Frauen wurden vergewaltigt und mussten die Schädel der Toten abkratzen", erzählt die Urenkelin. Die Gebeine wurden für die "Rasseforschung" ins Kaiserreich verschickt. Im KZ brachte Katrina Luiperts Großmutter und zwei Geschwister zur Welt. Alle waren Kinder eines Deutschen.

"Die Herero und Nama wurden behandelt wie Tiere", sagt Luipert. "Sie verloren ihr Eigentum, wurden zu Sklavenarbeitern." Mit Folgen bis heute: "Die Entwicklungsunterschiede zu anderen Landesregionen sind gravierend", berichtet der Soziologe und Namibia-Experte Reinhart Kößler.

Am Telefon wirkt der Sondergesandte der Bundesregierung für die Verhandlungen mit Namibia, der langjährige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), nachdenklich: "Der Versöhnungsprozess sollte längst abgeschlossen sein. Doch das hat eine ganz andere Dimension entwickelt." Man habe die Klippen unterschätzt, die es zu umschiffen gelte.

Die Klippen verlaufen nicht nur zwischen Bundesregierung und der Regierung in Namibia. Sondern auch zwischen beiden und den Vertretern der Herero und Nama, die von der Administration in Windhoek nicht in die Verhandlungsdelegation einberufen wurden und ihr nun nicht zutrauen, den Dialog in ihrem Namen zu führen. "Die Regierungen streiten sich um Geld. Aber das ist nicht unsere Priorität", erklärt Sima Luipert. Sie spricht aus, was viele Stammesangehörige denken: "Die Bundesregierung muss zuerst um Entschuldigung bitten, dann können wir über Geld reden." Ihrer eigenen Regierung wirft sie Geschichtsvergessenheit vor. "Sie reden von einem namibischen Völkermord, doch als die Deutschen kamen, haben sie uns das Land weggenommen und nicht den anderen."

Reinhart Kößler pflichtet ihr bei. "Die namibische Regierung behandelt den Völkermord als übergreifendes nationales Problem, was historisch nicht haltbar ist." Er warnt: "Wenn sie den Prozess nicht inklusiv gestaltet, werden die Betroffenen ein Regierungsabkommen nicht akzeptieren." Dass die Bundesregierung noch nicht um Entschuldigung gebeten und der Bundestag bis heute - wie von den Fraktionen von Grünen und Linken wiederholt gefordert - dazu keine Resolution verabschiedet habe, nennt Kößler ein "bedauerliches Versäumnis". Seiner Ansicht nach unterschätzt die Regierung, "wie sehr die Problematik im symbolischen Bereich liegt".

Ruprecht Polenz will das so nicht stehen lassen. Die Bundesregierung habe Namibia gegenüber die Erwartung ausgedrückt, den Prozess so zu gestalten, dass er auch von den Herero und Nama akzeptiert werden könne, versichert er. "Doch letzten Endes entscheidet sie selbst, wie sie ihre Verhandlungsdelegation zusammensetzt." Polenz sagt auch, dass die Bundesregierung "lieber gestern als heute" um Entschuldigung für den Völkermord bitten wolle. Doch die Regierung in Namibia wolle genau wissen, was daraus für Deutschland folge. "Deshalb brauchen wir erst das Regierungsabkommen."

Doch wann das besiegelt wird, bleibt unklar, auch wenn sich die Verhandlungsdelegationen Ende November immerhin auf wichtige Punkte geeinigt haben. Ihrer Vorstellung nach soll die Bundesregierung mithilfe eines Fonds die Entwicklung der Herero- und Nama-Gebiete besonders unterstützen. Eine gemeinsame Stiftung soll Austausch und Aufarbeitung fördern, Hilfen für eine dringend notwendige Landreform fließen. Auch mehr Rückführungen von Gebeinen nach Namibia sind geplant. "Wir wollen uns substanziell und langfristig finanziell engagieren", versichert Polenz. Doch der Teufel steckt im Detail. So seien die Vorstellungen über die Summe "nicht deckungsgleich", sagt Polenz. Der Grünen-Abgeordnete Ottmar von Holtz spricht von finanziellen Forderungen der Regierung in Windhoek, "die alles übersteigen, was Deutschland stemmen könnte" (siehe Interview auf Seite 2). Eine mögliche Erklärung dafür hat Reinhart Kößler parat: "Namibia ist in einer prekären Haushaltslage. Offenbar hofft der ein oder andere Regierungsvertreter, diese zu verbessern."

»Keine Rechtsfrage « Sima Luipert kann über all das nur den Kopf schütteln. Sie und andere Stammesvertreter lehnen allgemeine Hilfen an den namibischen Staat ohnehin ab, sie wollen individuelle Wiedergutmachung in Form von Reparationen. Doch die schließt die Bundesregierung kategorisch aus. "Es geht hier um eine politisch-moralische Frage und nicht um eine Rechtsfrage", erklärt Polenz. Schließlich habe die Völkermord-Konvention von 1948 keine Rückwirkung.

Das diplomatische Tauziehen um die Aufarbeitung des Völkermords setzt sich damit fort. Ausgangspunkt dafür war eine Entschließung des Bundestages, in der die Abgeordneten 1989 erstmals die besondere historische und politische Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia betonten, ohne jedoch von Völkermord zu sprechen. Seither sind Entwicklungsgelder im Umfang von fast zwei Milliarden Euro in das Land geflossen. Doch erst im Jahr 2004 sprach ein Mitglied der Bundesregierung, die damalige Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), in Namibia den von den Herero und Nama so lang ersehnten Satz aus: "Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde."

An der offiziellen Sprachregelung hat das wenig geändert. Auch auf dem einzigen Gedenkstein in Berlin, dem "Hererostein", 2009 gestiftet vom Neuköllner Bezirksamt und gelegen an der Ostmauer des Neuen Garnisonsfriedhofs, ist nicht von Völkermord die Rede. Nach wie vor steht neben der kleinen, schwarzen Platte zudem ein großer Granitfindling, der seit 1973 an die Soldaten der deutschen Schutztruppen erinnert, die zwischen 1904 und 1907 freiwillig am Feldzug in Südwestafrika teilnahmen und dabei ums Leben kamen.

Wenig Hoffnung "Die Verhandlungen werden immer weitergehen", sagt Sima Luipert resigniert und blickt, immer noch im Sand stehend, auf zwei große Leinwände; sie zeigen Bäume, an denen die Deutschen einst ihre Vorfahren hängten. In ihrem Heimatland sind nicht wenige des Wartens müde. Erst im November sagte der Herero-Führer Mutjinde Katjjiua der Berliner Tageszeitung "taz": "Wenn alle rechtlichen und diplomatischen Prozesse scheitern, werden wir auf Selbstbefreiung zurückgreifen, und die deutschen Farmer, die auf unserem Land sitzen, werden packen und gehen müssen."

Ruprecht Polenz will es soweit nicht kommen lassen. "Wir haben mehr als hundert Jahre gebraucht, um uns mit dem Thema zu beschäftigen. Nun sollte es in dieser Wahlperiode eine Lösung geben", hofft der CDU-Politiker 2020 jährt sich der Völkermord an den Herero und Nama zum 116. Mal.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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