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ASKARIS
Sandra Schmid
Erst unerlässlich, dann unerwünscht

Mehr als 10.000 afrikanische Männer standen im Ersten Weltkrieg im Sold der deutschen Truppen. Nach dem Krieg blieben sie entwurzelt zurück

Die Erinnerung ist klein, quadratisch und schimmert golden. Es ist ein "Stolperstein" des Künstlers Gunter Demnig, eingelassen in das Pflaster vor der Brunnenstraße 193 in Berlin-Mitte, der dort auf Mahjub bin Adam Mohamed hinweist - besser bekannt als Bayume Mohamed Husen. Geboren 1904 in der Hafenstadt Daressalam, heute Tansania, zu jener Zeit aber Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika, kämpfte er im Ersten Weltkrieg als Kindersoldat in der "Schutztruppe". 1929 kam Mahjub nach Berlin, um seinen ausstehenden Kriegssold einzufordern - und blieb. Der Kriegsmigrant gründete eine Familie und schlug sich durch als Kellner im Kempinski, als Kiswahili-Lehrer und Komparse. In den dreißiger Jahren hatte er in mehr als 20 Spielfilmen kleinere Rollen, unter anderem an der Seite von Hans Albers. 1941 jedoch wurde Mahjub wegen "Rassenschande" denunziert und in seiner Wohnung in der Brunnenstraße verhaftet. 1944 starb er im KZ Sachsenhausen.

Mahjubs Geschichte ist eng mit dem deutschen Kolonialismus in Afrika verbunden. Wie schon sein Vater war er einer von Tausenden Afrikanern, die während des Ersten Weltkriegs im Dienst des Deutschen Reichs standen. Als Träger, Fährtenleser und Soldaten rekrutiert, galten sie als verlässliche Stützen der "Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika".

Schon in deren Vorläuferin, der "Wissmanntruppe," bediente man sich solcher "Askari" (Kiswahili für "Soldat") unter anderem, um Aufstände der einheimischen Bevölkerung gegen die Kolonialherren niederzuschlagen. Nach der Gründung der ersten offiziellen deutschen Kolonialtruppe 1891 begannen die Kolonialbeamten systematisch damit, Männer anzuwerben.

Viele brachten bereits militärische Erfahrung mit und verfügten über wertvolle Sprach- und Landeskenntnisse. Ihre militärische Funktion war laut der Historikerin Stefanie Michels für das deutsche Kolonialprojekt "grundlegend". Kein Wunder: Ohne koloniale Truppen hätten die Deutschen "keine Autorität in den Kolonialgebieten ausüben können". Für die afrikanischen Männer wiederum war der Dienst in der Schutztruppe attraktiv. Michels zufolge ermöglichte ihnen das Leben als Askari, "Männlichkeit und Erwachsensein" zu demonstrieren. Viele Väter schickten ihre Söhne deshalb bewusst zur Truppe - oder brachten sie, wie Mahjubs Vater, gleich mit, wenn sie sich selbst zu den Waffen meldeten. Die Askari gehörten außerdem zu den am besten bezahlten Angestellten der kolonialen Institutionen.

1914, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, umfasste die Truppe etwa 2.500 Askari und 260 Deutsche. Auf dem Höhepunkt ihrer Stärke standen schließlich zwischen 12.000 und 15.000 Askari im Sold der Deutschen. Bei Kriegsende war die Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika jedoch stark geschrumpft: Als diese unter Führung des Generals Paul Lettow-Vorbeck Ende November 1918, zwei Wochen nach dem Waffenstillstand in Europa kapitulierte, ergaben sich neben 155 Deutschen 1.168 bewaffnete Askari und rund 3.500 Träger. Der größte Teil der afrikanischen Soldaten war in den Kriegsjahren gefallen, an Krankheiten oder Hunger gestorben, in Kriegsgefangenschaft geraten, desertiert oder zu den Alliierten übergelaufen.

Dies widerlegt den lang gepflegten Mythos vom "treuen Askari", der bald nach Kriegsende aufkam. In Kriegsmemoiren, Liedern und mit Denkmälern wie dem Hamburger "Askari-Relief" wurde die Kameradschaft zwischen deutschen Soldaten und schwarzen Söldnern beschworen und deren soldatische Tugenden gerühmt. Der tatsächliche Umgang mit den Askari sah anders aus: Während die deutschen Mitglieder der Schutztruppe nach der durch den Versailler Vertrag erzwungenen Abgabe der Kolonien in die Heimat zurückkehrten, blieben die Askari entwurzelt zurück. Die Bevölkerung stand ihnen meist feindlich gegenüber, erklärt die Historikerin Michelle Moyd. Wie Mahjub verließen etliche von ihnen Afrika in Richtung Deutschland, um ihren ausstehenden Lohn einzufordern. Aus Geldmangel waren während des Krieges Schuldscheine ausgegeben worden, mit dem Versprechen, diese später einzulösen.

Die Migration aus den Kolonien war aber schon vor dem Ersten Weltkrieg eher unerwünscht: Einreise und Aufenthalt von Afrikanern versuchten die deutschen Behörden möglichst zu verhindern. Wie viele Kolonialmigranten dennoch nach Deutschland kamen, ist unklar. Die Afrikanistin Marianne Bechhaus-Gerst, die die Lebensgeschichte Mahjubs recherchiert hat, geht davon aus, dass zur Zeit der Weimarer Republik bis zu 3.000 Afrikaner in Deutschland lebten. Nicht alle waren ehemalige Askaris. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielten sie den Status von "Staatenlosen" oder ein Zertifikat, welches sie als "ehemalige Schutzbefohlene" auswies. Der Machtantritt der Nationalsozialisten verschärfte ihre rechtliche Situation. Eine der wenigen Nischen, in der Kolonialmigranten arbeiten konnten, seien "entwürdigende Auftritte in Völkerschauen und Kolonialfilmen" gewesen, schreibt die Geschichts- und Kulturwissenschaftlerin Nicola Lauré al-Samarai. Auch Mahjub gab zu vielen Anlässen den "Vorzeige-Askari" und versuchte so gesellschaftliche Anerkennung und finanzielle Unterstützung zu bekommen.

Aus politisch-neokolonialistischen Erwägungen wurden afrikanische Migranten in der NS-Zeit zunächst nicht offen und systematisch verfolgt. Doch das schützte sie letztlich nicht vor Zwangssterilisation und Internierung. Die Forschung geht von rund 2.000 in Konzentrationslagern ermordeten Menschen afrikanischer Herkunft aus. Mahjub bin Adam Mohamed war einer von ihnen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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