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Gedenken I
Mirko Heinemann
Der Namensstreit

Was tun mit Straßennamen, die Täter ehren, und Begriffen, die als abwertend empfunden werden? Zur Aufarbeitung der Kolonialzeit gehört auch diese Diskussion

Der bleigraue Himmel über Berlin passt zum Thema, über das Mnyaka Sururu Mboro heute Vormittag referiert. Mboro, wie sich der leicht gebückt stehende Mann mit den kurzgeschorenen grauen Haaren nennt, stützt seinen Körper auf einen kunstvoll gedrechselten Gehstock und zeigt mit der Hand auf ein Straßenschild. Darauf steht "Petersallee". Davor haben sich zwei Dutzend Schüler versammelt. Seine Stimme wird laut und sie beginnt zu zittern, als Mboro erzählt, welche Person sich hinter dem Straßennamen verbirgt.

1939 ehrten die Nationalsozialisten an dieser Stelle posthum Carl Peters, einen Kommissar in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, heute Tansania. Peters war berüchtigt für seinen Rassismus und seine Gewalttätigkeit. "Blutige Hand" wurde er von den Ostafrikanern genannt, "Hänge-Peters" von deutschen Kolonialgegnern. Sein Ruf war selbst im Deutschen Reich schlecht, so dass ihm eine Ehrung in der Weimarer Republik verweigert wurde. Dies holten die Nazis nach.

Längst hat die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte entschieden, den Namen zu tilgen. Danach soll die Petersallee auf dem einen Teilstück Anna-Mungunda-Allee heißen, nach einer namibischen Unabhängigkeitsaktivistin, auf dem anderen Maji-Maji-Allee nach dem Widerstandskrieg von mehr als 20 ostafrikanischen Gemeinschaften gegen die deutschen Kolonisatoren. Allerdings: Widerstand regt sich. Anwohner protestieren gegen die Umbenennung. Nicht selten, berichtet Mboro, werde er bei seinen Führungen von Passanten rassistisch beschimpft.

Exponierter Hauptstadtstatus Das Afrikanische Viertel in Berlin ist kein Einzelfall: Dutzende Straßennamen in kleinen und großen Städten zeugen bis heute von der kolonialen Vergangenheit Deutschlands. Während die alten Kolonien Togo oder Kamerun als Straßennamen meist als unproblematisch erscheinen, toben vielerorts mitunter heftige Debatten um Personen und Begriffe aus der Kolonialzeit. In Berlin werden sie besonders erbittert geführt - was nicht nur auf den exponierten Status der Hauptstadt als repräsentativer Ort der Bundesrepublik zurückzuführen ist, sondern auch auf den kaum weniger scharfen Diskurs um das geplante Humboldt-Forum im neu gebauten Stadtschloss. Die Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus ist hier verknüpft mit der Debatte um die Provenienz der ethnologischen Sammlungen, die in der Mitte Berlins ausgestellt werden sollen. Nicht wenige Exponate kamen durch Betrug, Raub und Beutezüge in deutschen Besitz.

Als 2009 in Berlin-Kreuzberg eine Straße in May-Ayim-Ufer umbenannt wurde, nach einer afrodeutschen Aktivistin, blieb es noch relativ ruhig. Weichen musste damals Otto Friedrich von der Gröben, Begründer der Sklavenfestung Groß-Friedrichsburg an der Küste Ghanas. Nun aber sollen im Berliner Wedding der Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße umbenannt werden. Letztere ist nach einem Bremer Kaufmann benannt, der in Südwestafrika Land durch Betrug in großem Maßstab erwarb und Einheimische in Konzentrationslager pferchen ließ. Lüderitzstraßen in Köln und Bochum sind längst verschwunden.

Kritik an Umbenennungen In Berlin aber sind mehr als 1.500 Widersprüche von Anwohnern gegen die Umbenennungen im Afrikanischen Viertel beim Bezirksamt eingegangen. Die Anwohner verweisen auf den Verwaltungsaufwand, der durch die Umbenennung entsteht. Ausweise, Visitenkarten, Webseiten und Verträge müssten geändert werden. Stattdessen schlägt die Initiative eine "namensneutrale Umbenennung" vor: Die Straßen sollen anderen Personen gleichen Namens zugeschrieben werden, wie es bei der Petersallee schon geschehen ist: Die Straße war 1986 umgewidmet worden. Sie soll seither den NS-Widerstandskämpfer und CDU-Politiker Hans Peters ehren, wie ein Hinweis am Straßenschild verrät.

Ein weiterer Einwand von Unbenennungs-Gegnern: Man könne Ereignisse nicht ungeschehen machen, indem man Straßennamen ändere. Damit würde man Geschichte auslöschen. "Genau das wollen wir nicht", entgegnet der Historiker Christian Kopp, Sprecher der Initiative "Berlin Postkolonial". Die Initiative engagiert sich für die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und plädiert für eine kommentierte Umbenennung nach Persönlichkeiten aus dem antikolonialen Widerstand. "Im Gegenteil: Wir wollen, dass eine Debatte geführt wird. Die Gesellschaft muss über die Geschichte der deutschen Kolonien aufgeklärt werden und Schlüsse für die sich daraus erwachsende Verantwortung ziehen." Als "Etikettenschwindel und Geschichtsklitterung" empfindet Kopp vielmehr die "scheinheilige" Umwidmung von Straßen nach unbescholtenen Namensvettern.

In Hamburg wurden vor einem Jahr zwei Straßen im Stadtteil Ohlsdorf umbenannt. Namensgeber: Adolph Woermann, ein Großreeder und Völkermord-Profiteur. Begleitet wurde die Aktion von einem Bündnis aus Nachkommen der betroffenen Ethnien mit zivilgesellschaftlichen Initiativen. In den beiden Kolonialvierteln in München wird ebenfalls heiß diskutiert. 2006 wurde die Von-Trotha-Straße, eine kleine Wohnstraße im Münchner Stadtteil Waldtrudering, in Hererostraße umbenannt. Sie erinnert nun nicht mehr an den Täter, sondern die Opfer: die Angehörigen des Volkes, das deutsche Kolonialsoldaten in die Wüste gejagt hatten, um möglichst viele Menschen auszulöschen. Hauptverantwortlicher für den Genozid war der damalige Gouverneur der Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, Lothar von Trotha.

Ursprung im Mittelalter Doch was ist mit den anderen Auseinandersetzungen um Begrifflichkeiten, die in den Verdacht geraten sind, rassistisches Gedankengut zu transportieren und um die ebenfalls heftig gestritten wird? Zum Beispiel "Mohr": Mohren-Apotheken oder Gasthäuser zum Mohren haben ihren Ursprung häufig nicht in kolonialen Zeiten, sondern beziehen sich auf Ereignisse aus dem Mittelalter. Oder auf die Figur des Heiligen Mauritius, einem antiken christlichen Märtyrer, der häufig mit schwarzer Hautfarbe dargestellt wird - etwa im Stadtwappen der bayerischen Stadt Coburg.

In Augsburg heißt ein Hotel "Zu den drei Mohren". Das Logo besteht aus drei schwarzen Häuptern mit krausem Haarschopf. Bürgerinitiativen vor Ort fordern, das Hotel solle seinen Namen ändern, und zwar mit Hilfe von zwei Punkten, die über dem "O" platziert werden sollen. Das Management weist die Forderung zurück. Der Name des Hotels gehe auf eine Überlieferung aus dem Jahr 1495 zurück, als drei dunkelhäutige Mönche aus Abessinien hier gastfreundlich aufgenommen worden seien. Ähnlich argumentiert in Nürnberg der Betreiber der dortigen Mohren-Apotheke. Der Name stamme aus dem Jahr 1578 und sei eine "Wertschätzung der maurischen Bevölkerung, die uns die moderne Pharmazie gebracht hat", sagte er der Deutschen Apotheker-Zeitung.

DieWirkung der Wörter Viele Afrodeutsche lehnen aber die Bezeichnung "Mohr" als durchweg negativ besetzt ab. Der afrodeutsche Rapper Megaloh sagte in einem Interview, er finde den Begriff "komplett abwertend und rassistisch". Mit "Mohr" würden Menschen bezeichnet, über die die weiße Obrigkeit verfügte und über deren Schicksale sie entschied.

Um Recht oder Unrecht kann es in dieser Debatte nicht gehen. Grundlegend ist die Frage, auf welche Weise Begriffe wirken, die rassistische Klischees transportieren. Begriffe wie die von manchen immer noch als "Negerkuss" bezeichnete Schaumkugel. Der "Mohr" im Logo der Firma Sarotti, der inzwischen zum "Sarotti-Magier" geworden ist. Oder der Vater von Pippi Langstrumpf, der vom "Negerkönig" zum "Südseekönig" wurde. Statt Weltliteratur derart zu überarbeiten, müsse man vielmehr diskutieren, warum bestimmte Begriffe wann verwendet wurden, betonen die Kritiker solcher Umbenennungen. Die Befürworter halten dagegen: Der Austausch des "Negerkönigs" stelle weder die Toleranz von Astrid Lindgren infrage noch wolle er Literatur zensieren. Es gehe schlicht um eine sprachliche Modernisierung, die Ausdruck eines veränderten Bewusstseins sei - ähnlich der Verbannung von "Fräulein" aus dem offiziellen Sprachgebrauch oder "Weib" aus der Lutherbibel.

In denselben Kontext gehört auch die Debatte um das sogenannte Blackfacing. Als "Blackfacing" 2014 zum Anglizismus des Jahres gewählt wurde, erklärte der Sprachwissenschaftler und Vorsitzende der Jury, Anatol Stefanowitsch, Blackfacing gelte als rassistisch, "weil es die Identität und die Erfahrung schwarzer Menschen als Kostüm behandelt, das weiße Menschen beliebig an- und ausziehen können. Mit dem Blackfacing maßen sich viele weiße Menschen an, für schwarze Menschen sprechen und handeln zu können, und nehmen ihnen damit den Raum, dies selbst zu tun."

Die Betroffenen für sich selbst sprechen lassen - das ist womöglich der Schlüssel zu dieser gelegentlich vertrackt erscheinenden Debatte. Dann offenbaren sich auch im Fall Carl Peters, dem ursprünglichen Namensgeber der Weddinger Petersallee, überraschende Erkenntnisse. Im Zwiegespräch offenbart Mnyaka Sururu Mboro, der vor mehr als 30 Jahren zum Studieren nach Berlin zog, warum seine Stimme beim Vortrag über die Herkunft dieses Straßennamens zitterte: Sein Urgroßvater, der am Fuß des Kilimandscharos lebte, wurde vom deutschen Kolonialregime ermordet. Das entsetzliche Werk der "Blutigen Hand" - es hat Auswirkungen bis in das Berlin von heute.


Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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