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Gedenken II
Claudia Heine
Die Debatte steckt noch in den Kinderschuhen

Soll es in Berlin ein zentrales Denkmal für die Opfer des Kolonialismus geben oder einen »Raum der Stille« im Humboldt-Forum - oder beides?

Im Sommer 2019 jährte sich zum 100. Mal ein ganz besonderer Protest. Denn was Martin Dibobe, der erste schwarze Zugführer der Berliner Hochbahn, und seine Mitstreiter 1919 forderten, war keine Petitesse: In dem als "Dibobe-Petition" bekanntgewordenem Manifest verlangten Dibobe und seine 17 Mitstreiter gleiche Rechte für Deutsche und Afrikaner in Deutschland, einen eigenen afrikanischen Reichstagsabgeordneten und das Ende von Prügelstrafe und Zwangsarbeit in den deutschen Kolonien. Die Härte des Kolonialsystems hatte Dibobe selbst erlebt, kam er doch 1896 als Teil einer "Völkerschau" von Kamerun nach Berlin. Er blieb, arbeitete sich zum Zugführer hoch und kämpfte stets für die Rechte der Afrikaner in Deutschland. Neben einer Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus erinnert seit Juli 2019 auch eine Informationstafel vor dem ehemaligen Reichskolonialamt in Berlin-Mitte an diese Petition - dies alles auf Initiative lokaler zivilgesellschaftlicher Gruppen.

Geht es nach dem Willen der Grünen-Bundestagsfraktion, soll das Gedenken an den Kolonialismus und seine Opfer heraus aus dieser Nische und hinauf auf die große Bühne. In einem Antrag (19/7735) kritisierten die Grünen Anfang vergangenen Jahres, dass die deutsche koloniale Fremdherrschaft über Teile Afrikas, Chinas und Ozeaniens immer noch ein verdrängtes Kapitel der deutschen Geschichte sei. "Zeit, das endlich zu ändern", forderte Kirsten Kappert-Gonther, die kulturpolitische Sprecherin der Fraktion, Ende Februar in der ersten Bundestagdebatte über den Antrag. Es gehe dabei nicht nur um die Rückgabe von Exponaten. "Wir brauchen unabhängig vom Humboldt-Forum eine zentrale und gut sichtbare Stätte des Erinnerns und des Lernen", sagte Kappert-Gonther.

Unterstützung erhielt sie dabei von den Linken, die kurz darauf in einem Antrag (19/8961) ebenfalls ein zentrales Mahnmal für die Opfer des Kolonialismus forderten. Helge Lindh (SPD) ließ Sympathien dafür erkennen, mahnte jedoch: "Diese Debatte muss am Ende eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses stehen, der nicht nur in den Feuilletons als elitärer Diskurs geführt werden darf." Deutlich skeptischer äußerte sich die Unionsfraktion in der Debatte. "Es sei keinem damit geholfen, kurzerhand eine Erinnerungsstätte zu bauen. Die Entscheidung darüber kann nicht am Anfang einer Debatte stehen", so der CDU-Politiker Ansgar Heveling. Klar ablehnend äußerte sich die AfD, dessen Abgeordneter Marc Jongen den Grünen vorwarf, einen "Schuldkomplex in Bezug auf die deutsche Kolonialgeschichte" kultivieren zu wollen.

Mit ihrem Antrag nutzten die Grünen laut eigener Aussage ein günstiges Zeitfenster, denn nicht nur über die Zukunft der Provenienzforschung diskutierte die Fachwelt seit Monaten intensiv. Im Januar 2019 heizte eine Initiative um den Afrikanisten Henning Melber die Debatte um ein angemessenes Erinnern dadurch an, dass sie einen "Raum der Stille" im Berliner Humboldt-Forum vorschlug. Dieses Großprojekt im - zumindest äußerlich - nachgebauten Hohenzollernschloss soll ab Herbst 2020 vor allem die ethnologischen und asiatischen Sammlungen Berliner Museen präsentieren. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zeigte sich offen für die Idee: "Die Besucher werden im Haus sehr viele Informationen über die Zeit des Kolonialismus bekommen, aber es wäre wichtig, irgendwo einen Ort zu schaffen, der darüber hinaus nachdenklich macht und eigene Reflexionen zulässt."

Anders reagierten die Aktivisten des Vereins "Berlin Postkolonial". Die Idee scheine mehr eine Art Werbung für das Humboldt-Forum zu sein und sei "nicht akzeptabel", sagte Mnyaka Sururu Mboro, Mitbegründer des Vereins. Henning Melber verteidigte den Raum der Stille gegen die Kritik: "Wir wollen damit ein Bindeglied schaffen und das Humboldt-Forum in die Pflicht nehmen, gestaltend zu wirken. Damit wären die weitergehenden Forderungen weder relativiert noch obsolet", heißt es in einer Erklärung vom März 2019.

Auch die Berliner Landesebene ist Anfang 2019 aktiv geworden. In einem Antrag an den Berliner Senat forderten die Berliner Regierungsfraktionen SPD, Grüne und Linke, ein gesamtstädtisches Aufarbeitungs- und Erinnerungskonzept zu entwickeln, zu dem auch eine zentrale Gedenk- und Lernstätte gehören solle.

Im September hat das Berliner Abgeordnetenhaus den Senat schließlich aufgefordert, mit der Bundesregierung wegen der Etablierung einer Gedenkstätte das Gespräch zu suchen. Ein Zwischenbericht des Senats dazu soll bald vorliegen, zu den ersten Gesprächsergebnissen soll wohl im Frühjahr dieses Jahres ein Gespräch des Kulturausschusses des Bundestages stattfinden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hatte bereits betont, dass die Initiative für eine solche Gedenkstätte vom Bundestag ausgehen müsse.

Die Grünen im Bundestag argumentieren unterdessen, dass es keine Notwendigkeit gebe, das parlamentarische Verfahren vorschnell abzuschließen. Die Anhörung des Kulturausschusses im April zum Thema koloniales Erbe habe gezeigt, dass die Aufarbeitung raus aus den Museen und rein in die Gesellschaft müsse. "Hierfür braucht es nicht zuletzt eine breite Diskussion", erklärte Kappert-Gonther.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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