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Museen
Moritz Holfelder
Befreiung der Gefangenen

Das Humboldt Forum und die Debatte über den Umgang mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten

Im November 2017 kündigt der neu gewählte französische Präsident Emmanuel Macron während einer Rede in Burkina Faso an, sein Land werde binnen fünf Jahren alle während der Kolonialzeit geraubten Artefakte zurückgeben - das afrikanische Erbe dürfe kein Gefangener europäischer Museen sein.

In Deutschland versetzt Macrons Vorstoß die betroffenen Institutionen für ein paar Wochen in eine Schockstarre, vor allem die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) in Berlin, die mit ihrem Museum für Asiatische Kunst sowie dem Ethnologischen Museum ins Humboldt Forum einzieht. Seitdem werden Fragen der Provenienz und eventueller Rückgaben an die Herkunftsgesellschaften unter vielen Fachleuten vehement diskutiert. Die einen fordern die grundsätzliche Restitution aller Objekte, die während der Kolonialzeit "erbeutet" wurden, und machen klar: Diese Gegenstände gehören uns nicht! Andere sind zurückhaltender und drücken sich um eindeutige Aussagen.

Auf den Vorstoß Emmanuel Macrons reagiert im Januar 2018 als erster Vertreter einer öffentlichen Institution Hermann Parzinger, Präsident der SPK. In einem Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bemüht er sich um eine "faire Lösung". Er spricht von einem notwendigen Dialog mit den Betroffenen in afrikanischen Ländern, von einem erhöhten Forschungsbedarf, regt europäische Initiativen sowie internationale Leitlinien an und erklärt, man müsse helfen, in Afrika Museen zu bauen, um dann Austausch und Leihgaben verabreden zu können.

Klärung der Provenienzen Ein deutliches Bekenntnis zur Rückgabe wird erst im Dezember 2018 von Michelle Müntefering (SPD), Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik beim Bundesminister des Auswärtigen, und Monika Grütters (CDU), Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, nachgereicht, wenn auch recht diplomatisch formuliert. In einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schreiben die beiden Politikerinnen: "Von Museen und Sammlungen erwarten wir die Bereitschaft, sich offen der Frage einer Rückgabe von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten zu stellen. Differenzierung und Klärung der Provenienzen müssen sein, es darf aber nicht der Eindruck einer Verzögerungstaktik entstehen - insbesondere dann, wenn eine Rückgabe gerechtfertigt erscheint."

Es kommt Bewegung in die Debatte - so auch durch den schwarz-roten Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, in dem die koloniale Verantwortung thematisiert wird, sowie durch den Deutschen Museumsbund mit einem "Leitfaden zum Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten".

Was im Jahr 2018 angestoßen wird, setzt sich 2019 fort. Ein wichtiges Signal geht von der neu gegründeten Kulturministerkonferenz aus, die im März in Berlin zu ihrer ersten Sitzung zusammenkommt. Ein Eckpunktepapier wird verabschiedet, was nicht unbedingt zu erwarten war. Anders als im zentralistischen Frankreich handelt es sich nicht um ein Lippenbekenntnis des Präsidenten, sondern um einen föderal verbindlichen Beschluss, dem alle Bundesländer zustimmen. Formuliert wird die verpflichtende "generelle Bereitschaft zur Rückführung von Sammlungsgut". Dennoch bleibt vieles vage und bedarf der Konkretisierung. Ernüchternd erscheint die Tatsache, dass zwar ein Arbeitsprozess mit Experten aus dem In- und Ausland sowie mit Vertretern der Herkunftsländer angekündigt wird, es aber keinen Zeitrahmen gibt. Viel Rhetorik steckt in diesem Papier - begeisternde Entschlossenheit ist kaum zu spüren.

Das monieren vor allem die Mitglieder zivilgesellschaftlicher Initiativen, die sich im Rahmen der seit 2013 laufenden Kampagne "No Humboldt 21!" mit migrantisch-diasporischen Perspektiven immer wieder kritisch in die Debatte einmischen. Sie hinterfragen vor allem das Berliner Humboldt Forum mit seiner für Deutschland wegweisenden ethnologischen Sammlung, die sich einen "Dialog der Weltkulturen" auf die Fahne geschrieben hat. In der Publikation "No Humboldt 21! - Dekoloniale Einwände gegen das Humboldt-Forum" entfaltet sich ein Panorama des Intervenierens gegen "das revisionistische Prestigeprojekt in Berlins Mitte". Die entscheidende Frage ist: Wird vom neuen Berliner Schloss, einem rekonstruierten Herrscherhaus, ein postkolonialer Impuls ausgehen? Können in einem Umfeld, das architektonisch Hierarchien festlegt und Herrschaft symbolisiert, Neugier, Respekt und Gleichberechtigung vermittelt werden?

Hartmut Dorgerloh, der Intendant des Humboldt Forums, weist im Gespräch darauf hin, dass man ein sehr vielgestaltiges Haus geplant habe, eines, das eben kein reines Museum sei, sondern ein Forum. Er schwärmt von der visionären Idee eines Hauses, das in einer divergierenden Welt Gemeinsamkeit stärken werde. Er spricht von Rede und Gegenrede, von Kontroverse, die man aushalten müsse: "Wir machen das Humboldt Forum zu einem Ort, wo wir das auch öffentlich aushandeln, wo wir den eurozentrischen Blick verlassen, aber dafür müssen wir - bitte! - es auch erst einmal eröffnet haben."

Austausch und Zusammenarbeit Die auf den September 2020 verschobene Eröffnung des Humboldt Forums wird allerdings nur häppchenweise vor sich gehen. Bis das Ethnologische und Asiatische Museum in ihrer Ganzheit zu erkunden sind, dürfte das Jahr 2023 angebrochen sein. Was dann genau zu sehen sein wird und wie man mit den Objekten aus kolonialem Kontext umgeht, ist bisher nicht bekannt. Eher pauschal sprechen die Verantwortlichen vom Austausch mit Herkunftsgesellschaften und der Zusammenarbeit mit Kuratoren aus afrikanischen Ländern. Der Eindruck entsteht, dass man abwartet, wie sich die Debatten über Rückgaben entwickeln, und dass man es vorzieht, zu reagieren statt aktiv zu agieren. Kritiker sprechen von Beschwichtigung und fordern klare Bekenntnisse. Die bleiben aus.

Wie wird man also mit den umstrittenen Höhepunkten der Sammlung umgehen, etwa den berühmten Benin-Bronzen, die ehedem in Benin-Stadt den Königspalast schmückten? 1897 wurden sie von britischen Truppen im Rahmen einer Strafexpedition entwendet und danach über dubiose Kanäle des Kunsthandels auch an deutsche Museen verkauft. Kann man sie in ein paar Jahren im Humboldt Forum überhaupt ausstellen, wenn man vorher nicht mit einer klaren Haltung die Rückgabe eingeleitet hat?

In Bezug auf die Restitutionsdebatte sprechen manche Wissenschaftler und Kuratorinnen in afrikanischen Ländern von einem allzu eurozentristischen Weg in die Zukunft, so etwa Flower Manase vom tansanischen Nationalmuseum in Daressalam. In einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" erklärt sie, der Fokus sollte nicht auf den europäischen Museen liegen, "sondern auf uns, auf dem, was in Afrika geschieht. Unsere Wünsche und Interessen spielen aber offenbar keine Rolle. Wer hat uns eigentlich gefragt, was wir Afrikaner wollen?"

Kritik von Savoy und Sarr Viele europäische Museumsleute wollen jede Rückgabe von der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Objektbiographien vorbereitet wissen. Das sei verzichtbar und werde nur vorgeschoben, um einen bereits erwiesenen Unrechtszustand beliebig zu perpetuieren, sagen Bénédicte Savoy und Felwine Sarr, die für den französischen Präsidenten den Restitutionsbericht verfasst haben. Die Frage ist: Wie geht man vor, wenn für Objekte gar keine Rückgabeforderungen vorliegen? Und an wen soll überhaupt restituiert werden: an Nationalstaaten, an Herkunftsgesellschaften oder die Nachfahren betroffener Einzelpersonen? Die Gemengelage ist komplex. Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, warnt vor einem "Ablasshandel" zur moralischen Reinwaschung von kolonialer Schuld. Doch das kann nur ein Teilaspekt sein. Im Kern geht es um die Verantwortung, endlich und pragmatisch die Weichen für die Zukunft zu stellen und sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Der Autor lebt und arbeitet als freier Kulturjournalist in München und Berlin. Zuletzt erschien sein Buch "Unser Raubgut. Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte" (Ch.Links-Verlag).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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