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PROVENIENZ
Alexander Weinlein
Transparente Spurensuche

Die Erforschung ist teuer und mühselig

"Provenienzforschung" lautet das Zauberwort in der politischen und wissenschaftlichen Diskussion über den Umgang mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten. Doch die Klärung der Frage, ob all die Kulturgüter oder menschlichen Überreste rechtlich und moralisch einwandfrei erworben wurden und wie sie in deutsche Museen gelangten, ist eine aufwendige wissenschaftliche Detektivarbeit, die die Museen ohne finanzielle Hilfe und wissenschaftliche Beratung nicht alleine werden bewerkstelligen können, wie die Leiterin des Übersee-Museums Bremen, Wiebke Ahrndt betont (siehe Interview Seite 9).

Unterstützung erhalten die Museen vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK) in Magdeburg. Die 2015 gemeinsam von Bund, Ländern und Kommunen ins Leben gerufene Stiftung sollte ursprünglich vor allem als Ansprechpartner bei der Aufarbeitung der Provenienzen von Kulturgütern dienen, die während der NS-Diktatur ihren meist jüdischen Besitzern entzogen wurden. Seit 2018 gehört die Aufarbeitung der Provenienzen von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten ebenfalls zum Aufgabenbereich des DZK. Im Mai 2019 nahm ein für diesen Zweck gegründeter neunköpfiger Förderbeirat aus Wissenschaftlern, Museumsvertretern sowie zwei Vertreterinnen der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder seine Arbeit auf. Das Gremium entscheidet unter anderem über die Förderanträge von Museen und Sammlungen zur Provenienzforschung, die seit Anfang 2019 beim DZK gestellt werden können.

Fördergelder Inzwischen hat das DZK erstmals rund 700.000 Euro für sieben solcher Forschungsprojekte in den Museen am Rothenbaum in Hamburg, Fünf Kontinente in München, Natur und Mensch in Oldenburg, Ritterhaus der Stadt Offenburg, Natur und Mensch in Freiburg, am Übersee-Museum Bremen und der Völkerkundesammlung in Lübeck bewilligt. Im Zentrum der Forschungsvorhaben stehen vor allem menschliche Überreste sowie Sammlungen aus den ehemaligen deutschen Kolonien.

Kontaktstelle Im ersten Quartal 2020 soll zudem eine "Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" bei der Kulturstiftung der Länder ihre Arbeit aufnehmen. Darauf verständigten sich Mitte Oktober Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und die Staatsministerin für internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering (SPD), mit den Kultusministern der Länder und den kommunalen Spitzenverbänden. Bei der Kontaktstelle sollen sich vor allem Institutionen aus den Herkunftsstaaten und -gesellschaften über die Bestände von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland informieren können. "Transparenz herzustellen", werde eine "zentrale Aufgabe" der Kontaktstelle sein, betonte Grütters.

Kritiker bemängeln, dass es an eben dieser Transparenz mangelt. Zeitgleich zu ihrer Einigung über die Kontaktstelle veröffentlichten mehr als 100 namhafte Wissenschaftlern und Kulturschaffende den Aufruf "Öffnet die Inventare" an die Kultusministerkonferenz. Es sei "ein Skandal", heißt es in dem Appell, "dass es trotz dieser nunmehr zwei Jahre anhaltenden Debatte noch immer keinen freien Zugang zu den Bestandslisten der Museen gibt." Die Verzeichnisse afrikanischer Objekte in den jeweiligen Sammlungen müssten "unabhängig vom Grad der Vollständigkeit" veröffentlicht werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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