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Wiebke AHRNDT
Alexander Weinlein
»Mehr Zeit zum Zuhören«

Die Leiterin des Bremer Übersee-Museums wirbt für einen differenzierten Umgang mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten. Restitution allein könne nicht die Antwort sein

Frau Professor Ahrndt, in Deutschland wird derzeit eine intensive Diskussion über den Umgang mit Museumssammlungen aus kolonialen Kontexten geführt. Nach der Debatte über den Umgang mit NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern stehen die Museen nun erneut im Verdacht, in ihren Sammlungen finde sich Raubgut. Werden diese Diskussionen zum Image-Problem oder steckt darin auch eine Chance?

Beides. Die Diskussion erweckt mitunter schon den Eindruck, als würde der gesamte Sammlungsbestand in den ethnologischen Museen aus kolonialer Raubkunst bestehen. Das ist aber de facto nicht der Fall. Bei rund 80 Prozent der Sammlungsbestände handelt es sich um Alltagsgegenstände und nicht um Kunst. Aber klar ist auch, dass sich in Sammlungen auch Stücke finden, die nicht auf legalem Weg zu uns gekommen sind und bei denen wir natürlich auch über Rückgabe sprechen müssen. Insgesamt wünsche ich mir in dieser sehr fokussierten Diskussion mehr Differenzierung. Positiv ist aber, dass die Debatte im kulturpolitischen Raum auch dazu geführt hat, dass die Museen inzwischen Gelder beantragen können, insbesondere beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, um die nötige Provenienzforschung zu betreiben.

Macht es denn bei der Frage nach einer Restitution einen Unterschied, ob es sich um Alltagsgegenstände handelt oder um Kunst?

Nein, letztlich spielt das keine Rolle. Wenn wir von außereuropäischen Objekten sprechen, hilft uns der europäische Kunstbegriff nicht weiter. In der Diskussion mit den Herkunftsgesellschaften konzentriert sich die Frage der Restitution vor allem auf sensibles Kulturgut, das heißt auf menschliche Überreste, auf religiöse Objekte oder auf Herrschaftszeichen. Wenn hier eine illegale Erwerbungsgeschichte vorliegt, muss über Rückgabe gesprochen werden.

Das Übersee-Museum zeigt seit Ende Oktober eine neue Dauerausstellung zu seiner mehr als 100-jährigen Geschichte, auch seiner kolonialen Vergangenheit. War Ihnen bei der Planung der Ausstellung vor drei Jahren schon klar, welche Intensität die Debatte über das koloniale Erbe annehmen würde?

Dass die Debatte international viel Fahrt aufnehmen würde, war mir klar. Sie hat bei uns im Haus schon vor etlichen Jahren eingesetzt. Die Entscheidung über die Ausstellung zur Geschichte unseres Museums haben wir 2013 getroffen. Bereits 2011 hatte ich begonnen, für den Deutschen Museumsbund Empfehlungen für den Umgang mit menschlichen Überresten zu erarbeiten, 2016 folgte dann die Arbeit an den Empfehlungen für den Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten.

Ist das Bremer Übersee-Museum im Augenblick mit konkreten Rückgabeforderungen konfrontiert?

Konkrete Rückgabeforderungen bestehen derzeit nur im Zusammenhang mit menschlichen Überresten. Da sind wir auch an den Recherchen dran, um eine Rückgabe vornehmen zu können.

In der Diskussion wird mitunter die Umkehrung der Beweislast gefordert. Das heißt, nicht die Herkunftsgesellschaft soll nachweisen, dass ein Sammlungsstück geraubt wurde, sondern die Museen sollen nachweisen, dass ihre Sammlungsstücke rechtmäßig erworben wurden. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Im Grunde entspricht das bereits der gelebten Realität in den Museen. Ich kenne kein deutsches Museum, das im Fall einer Rückgabeforderung den Antragstellern antwortet: Beweisen Sie doch erstmal, dass Sie Anspruch darauf haben. Deshalb werden die Provenienzforschungsprojekte ja gemacht. Kritisch zu bewerten ist allerdings die Frage nach dem Beweis. Denn die eindeutig zu beantwortenen Fälle von Raubgut stellen die Minderheit dar. Wir arbeiten in den meisten Fällen mit Wahrscheinlichkeiten. Es könnte korrekt erworben sein, es könnte geplündert oder geraubt sein. In vielen Fällen wurden Sammlungsstücke nicht mit einem Geldbetrag gekauft, sondern getauscht. Dann lautet die kaum zu beantwortende Frage, gegen was sie eingetauscht wurden und ob es ein angemessener Tausch war. In einem juristischen Sinne führt eine Beweislastumkehr also nicht weiter.

Der Leiter der Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe, Jürgen Zimmerer, argumentiert, dass solche Tausch- oder Kaufgeschäfte trotzdem unter Verdacht stehen, weil es in der Hierarchie zwischen Kolonialherren und Kolonisierten keine Augenhöhe gab.

Ich mache mit Herrn Zimmerer derzeit ein Forschungsprojekt bei uns im Haus zu den ehemaligen deutschen Kolonien in Kamerun, Namibia und Tansania, bei dem wir genau dieser Frage nachgehen. Man muss sich genau anschauen, in welcher Phase der Kolonialzeit solche Geschäfte gemacht wurden. In bestimmten Phasen und Ländern konnte in der Regel von einem freiwilligen Geschäft keine Rede sein. Aber wir wissen auch, dass es in diesem System der Ungleichheit und des Unrechts durchaus Handlungsspielräume existierten, die einen rechtmäßigen Erwerb ermöglichten. Wenn wir sonst über keine anderen Fakten verfügen, hilft uns die Untersuchung des historischen Kontextes bei der Klärung der Frage, ob die Sammlungsstücke rechtmäßig erworben worden sein können. Eine strenge Opfer-Täter-Dichotomie wird weder der Sache noch den Herkunftsgesellschaften gerecht.

Können Sie kurz skizzieren, wie die Prüfung der Provenienz von Sammlungsstücken abläuft?

Zunächst nehmen wir uns vor allem ganze Sammlungsbestände vor und weniger einzelne Objekte, weil die Quellenlage das oftmals nicht zulässt. Wir schauen uns die Informationen in unseren Eingangsbüchern an: Was ist dort über die Herkunft der Sammlungsstücke verzeichnet, in welchem Jahr kamen sie ins Museum, und wer war der Einlieferer, mitunter existieren auch Korrespondenzen. In glücklichen Fällen finden wir in den Archiven sogar Tagebücher der Erwerber, die uns Informationen liefern. Wir schauen uns die handelnden Personen an: Waren sie Sammler, Forscher oder Militärs, wo waren sie stationiert, wie stellten sich die Gegebenheiten in der Kolonie dar? Aus all diesen Informationen können wir Rückschlüsse ziehen. Und wir reisen in die Herkunftsländer, um dort vor Ort zu recherchieren, was an Erinnerungskultur zu den jeweiligen Sammlungsstücken existiert.

Ihr Haus gehört zu den großen Museen. Sind kleinere Museen nicht völlig überfordert mit dieser sehr aufwendigen Provenienzforschung?

Das ist nicht nur für kleine Museen eine Herausforderung. Auch wir können das nur leisten durch drittmittelfinanziertes Personal. Alle Museen - kleine wie große - sind auf Projektfinanzierung angewiesen, mit eigenen Mitteln ist das nicht zu stemmen. Kleiner Museen haben aber sicherlich einen höheren fachlichen Beratungsbedarf, etwa durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste.

Wie stehen denn die Wissenschaftler und Museumsfachleute in den Ländern der ehemaligen Kolonien zum Thema Restitution?

Die Diskussion läuft dort letztlich ebenso heterogen wie bei uns. Sie reicht von der Forderung, alle Sammlungsstücke zurückzugeben, bis hin zu der Ansicht, dass sie in den deutschen Museen verbleiben sollen, damit die Menschen in Deutschland etwas über die Kultur der Herkunfsgesellschaften erfahren. Uns erreichen sehr viel mehr Wünsche nach Kooperation und Wissenstransfer als nach Rückgabe. Wir starten beispielsweise gerade eine Kooperation mit Samoa im Südpazifik. Von unseren Kooperationspartnern wurde uns ganz klar gesagt, dass man die Sammlungsobjekte nicht zurückhaben möchte, sondern Digitalisate und unser Wissen über die Geschichte der Objekte. Und dass wir die Kultur Samoas in Deutschland gemeinsam präsentieren und auch über die dortigen dramatischen Probleme mit den Folgen des Klimawandels erzählen sollen. In Bezug auf die Restitution gibt es eine große Diskrepanz zwischen der Debatte, wie sie in Deutschland in der Öffentlichkeit geführt wird, und der Museumsrealität.

Im Fall von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut hat sich Deutschland mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung selbstverpflichtet, zu einer "fairen Lösung" - etwa durch Restitution oder Ankauf - zu kommen. Braucht es für Kulturgüter aus kolonialen Kontexten etwas ähnliches Abkommen auf internationaler Ebene?

Ich fürchte, das ist illusorisch. Ein ähnliches Übereinkommen müsste ja mit den Herkunftsgesellschaften auf der ganzen Welt erarbeitet werden. Das müsste letztlich die UNESCO anpacken. Aber dafür braucht es einen sehr langen Atem und den hat in dieser Debatte augenblicklich niemand.

Wie erleben Sie die Debatte im internationalen Vergleich? Frankreichs Staatspräsident Emanuel Macron hat das Thema mit seiner Ankündigung, Kulturgüter aus Afrika restituieren zu wollen, ja ordentlich gepuscht...

Ja, aber es ist schon so, dass sich Deutschland in dieser Frage am stärksten bewegt hat. Deutschland ist auch bei der Repatri-ierung menschlicher Überreste ganz vorn dabei. Der Leitfaden des Deutschen Museumsbunds zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten war auch der erste in Europa. Wir sind in Deutschland zwar später in die Diskussion eingestiegen, ziehen faktisch in Europa aber im Augenblick an allen anderen vorbei.

Die Debatte wird in Deutschland sehr stark anhand moralischer Kategorien geführt. Stört das? Oder brauchen wir diese moralischen Kategorien?

Wir brauchen moralische Kategorien. Denn wir reden bei diesem Thema viel mehr über ethische als juristische Fragen. Es ist eine Frage der Ethik, wie wir mit den Sammlungen umgehen und wie wir unsere Verantwortung definieren. Es ist auch gut, dass Deutschland begonnen hat, sich seiner kolonialen Vergangenheit zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. Aber ich wünsche mir, dass wir uns mehr Zeit zum Anhören der Vielstimmigkeit aus den Herkunftsgesellschaften lassen. Wir waren sehr schnell mit der Antwort. Aber die kann nicht allein "Rückgabe" heißen.



Das Interview führte Alexander Weinlein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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