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Namibia
Robert von Lucius
Tiefe Spuren

Der deutsche Einfluss ist auch heute noch überall spürbar

Auch wenn so manche Erinnerung an die deutsche Zeit in Namibia bröckelt: Die Hans-Dietrich-Genscher-Straße in Windhoek, an der die Zentrale der Regierungspartei Swapo liegt, wird bleiben. In keinem anderen Land Afrikas, wohl auch in keiner anderen ehemaligen Kolonie, sind die Spuren der gut drei Jahrzehnte, in denen das Deutsche Reich Deutsch-Südwestafrika beherrschte, deutlicher und sichtbarer. Hier ist Deutsch eine der acht Nationalsprachen. Das Bier wird nach bayerischem Reinheitsgebot gebraut. Schwarzbrot, Sauerkraut und Schwarzwälder Kirsch werden in den Restaurants und Cafés Windhoeks oder Swakopmunds angeboten. Wer in diesen auf Englisch bestellt, den fragt irritiert der dunkelhäutige Kellner :"Wie bitte?"

Dabei haben nur noch 14.000 der 2,5 Millionen Namibier Deutsch als Muttersprache - diese Minderheit aber ist in Wirtschaft, Kultur und zum kleinen Teil in der Politik einflussreich. Viele Touristen kommen aus der Bundesrepublik, um staunend in der Hauptstadt an der Heinitzburg, dem Alten Fort oder dem Tintenpalast vorbeizuwandeln - der Spitzname für den einstigen Gouverneurssitz und seine Tinte verspritzenden Beamten, in dem heute das Parlament sitzt. Diese Tradition zieht viele an, und sie wird gepflegt wie manche vermeintliche deutsche Übung - so sauber, wohlgeordnet und sicher wie in der Innenstadt Windhoeks ist es in vielen Städten der Bundesrepublik nicht mehr.

Einen Bildersturz oder gar eine Kulturrevolution gab es weder, als Südafrika 1919 die Verwaltung vom deutschen Gouverneur als Mandatsgebiet des Völkerbundes übernahm, noch 1990, als Südwestafrika als Namibia unabhängig wurde und die Swapo die Regierung stellte. Das hatte mehrere Gründe. Die Unterdrückung des Kolonialaufstandes der Völker der Herero und der Nama gegen die Schutztruppen war ebenso wie danach die Rassendiskriminierung der südafrikanischen Machthaber gegen die schwarze und farbige Bevölkerungsmehrheit hart, aber irgendwie auch, meist, eine Spur paternalistischer und kleinteiliger als anderswo. Zudem wussten die neuen Machthaber 1919 wie auch 1990, welche tiefen Spuren die deutsche Kultur hinterlassen hatte, und dass es unter den Deutschprachigen nicht nur uneinsichtige Farmer gab, sondern auch so manche Brückenbauer auf beiden Seiten. Diese wenigen haben mehr für den Respekt vor und die Bewahrung der Kultur getan, als so manche der Südwester und ihr Einflüsterer, die Allgemeine Zeitung - die einzige deutschsprachige Tageszeitung außerhalb Europas - ihnen zugestehen mögen.

Knorrige Gestalten Das waren bisweilen knorrige Gestalten wie Wilhelm Weitzel, der an der Spitze der Interessengemeinschaft deutschsprachiger Südwester stand und mit Finanzhilfe aus Bonn eine alternative deutschsprachige Wochenzeitung gründen ließ. Diese Gruppe suchte und fand schon früh das Gespräch zum einen mit deutschen Politikern wie dem damaligen Außenminister Genscher, zum anderen und vor allem mit der Swapo. Damit lernte die Exilbewegung, dass bewaffneter Kampf nicht der einzige Weg zum Machtübergang war und nicht alle Weiße verhärtete Bewahrer des Hergebrachten. Als Dank benannte die Deutsche Höhere Privatschule in Windhoek, die ebenso wie deutschsprachige Regierungsschulen viel für die Bewahrung der deutschen Sprache tut, ihre Aula nach dem Farmer Wilhelm Weitzel.

Einen ähnlichen Weg ging eine Generation später und nicht minder wirkungsvoll der ebenso freidenkende Anton von Wietersheim. Er und seine damalige Frau errichteten auf ihrer Farm südlich von Windhoek eine Farmschule. Bald kamen die Kinder nicht nur der Farmarbeiter, sondern auch der anfangs skeptischen Nachbarfarmen. Die Swapo beobachtete das aufmerksam - als sie an die Macht kam, ernannte sie Wietersheim zum Landwirtschaftsminister. Sie setzten zum einen auf dessen Sachverstand, zum anderen wollten sie mit ihm und zwei, drei anderen deutschsprechenden Politikern die weiße Bevölkerung beruhigen und zum Bleiben und zum Mitwirken bewegen. Der Weg Wietersheims verlief in Wellen - als er Korruption in der Swapo kritisierte, verlor er sein Amt und wurde Oppositionsabgeordneter und dann Buchhändler in Swakopmund. Vor einigen Monaten gründete er einen neuen Gesprächskreis, der wieder Brücken bauen soll.

Buchhändler, deren gibt es nur wenige im Lande, scheinen in Namibia für eine solche Brückenbaueraufgabe prädestiniert: Der Inhaber eines Antiquariats in Windhoek, Wolfgang Hartmann, gab kurz vor Weihnachten 2019 den ersten wissenschaftlichen Studienband heraus, der die Debatte unter Deutschen über ihre Irrwege im Kolonialkrieg 1904 bis 1908 und die Frage, ob das Vorgehen gegen die Herero der erste Völkermord war, nun auch auf Englisch zugänglich macht mit dem bezeichnenden Titel "Nuanced Considerations". Diese Debatte hat nicht nur Historiker bewegt, sondern auch die Politik in der Bundesrepublik. Bis erste Regierungspolitiker in Berlin das Wort vom Völkermord in den Mund nahmen, dauerte es lange, und als sie es taten, blieb das nicht unwidersprochen. Da halfen zumindest kleine Gesten, Schärfen zu besänftigen, etwa die Rückgabe des von einem portugiesischen Seefahrer 1486 errichteten Steinkreuzes Cape Cross, das ein Korvettenkapitän 1893 nach Berlin brachte. Im August 2019 wurde es aus dem Deutschen Historischen Museum wieder nach Namibia gebracht.

Eines der Nationalmuseen, das Unabhängigkeitsmuseum neben der neoromantischen Christuskirche mit seinen von Kaiser Wilhelm gestifteten Fenstern, ist ein Symbol dafür, wie manche deutsche Spuren in den letzten Jahren schwinden. Dort stand der Alte Reiter, die Statue eines Schutztrupplers. Die Statue wurde in das Innere des Alten Forts verlegt und ist derzeit unzugänglich. Statt dessen beherrscht nun das monumental-glitzernde, von Nordkoreanern gebaute Unabhängigkeitsmuseum die Kuppe oberhalb der einstigen Kaiserstraße, die nun Independence Avenue heißt. Solche Änderungen kommen in behutsamen Schritten - aus der Bismarckstraße etwa wurde erst jetzt, 30 Jahre nach der Unabhängigkeit, die Simeon-Kambo-Shixungeleni-Straße, benannt nach einem Guerillaführer der Swapo.

Für sanfte Änderungen wirbt Zed Ngavirue, ein ebenso besonnener wie eindrucksvoller Diplomat. Er leitet die Verhandlungen der namibischen Regierung mit Berlin, wie beide Seiten mit dem Kolonialerbe umgehen sollen - ob es also eine offizielle Entschuldigung geben soll und eine Wiedergutmachung für den Völkermord an Herero und Nama. Ngavirue, ein 86 Jahre alter, hochgewachsener Akademiker mit sanfter Stimme, sagt, sein Land beseitige nicht Symbole der Deutschen, sondern Symbole der Unterdrückung. Die Kolonialgeschichte sei nicht fröhlich gewesen. Der Reiter mit dem Gewehr in seiner Hand verletzt ebenso die Gefühle vieler Namibier wie so manche Straßennamen gut hundert Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit am 28. Juni 2019.

Auch nach dem Abbau des Reiters und mancher Straßenschilder: Windhoek und vor allem die Seefrischen Lüderitzbucht und Swakopmund zeigen deutsche Architektur und Läden - so könnte es vor gut hundert Jahren auch heim im Reich gewesen sein. Vom Windhoeker Karneval und Sportvereinen über die Esskultur bis zur Wirtschaftsstruktur sind die Deutschnamibier, oft in fünfter Generation in Namibia, präsent. Aber auch im Deutschen Kulturrat, im Rundfunk, in der Namibischen Wissenschaftlichen Gesellschaft mit Untergruppen von der Geologie über Vogelkunde bis zur Märchenforschung. Orts- und Häusernamen reichen vom Alten Amtsgericht in Swakopmund bis zum Hohenzollernhaus. Die Bildungsarbeit deutscher Missionare hatte erheblichen Einfluss.

Die Pflege dieser Traditionen gibt derzeit Einkommen - manche Farmer, die wegen der Dürre ihre Schafzucht aufgeben mussten, wurden zu Fremdenführern, die Besuchern aus deutschsprachigen Ländern ihre Heimat zeigen, die etwa doppelt so groß ist wie die Bundesrepublik. Ob Souvenirgeschäfte in der Windhoeker Innenstadt mit ihren wilhelminischen Fassaden oder Apotheken: Oft sind die Inhaber Deutsche, ebenso im Cafè Anton in Swakopmund mit seinen Mettbrötchen und Buttergebäck. Aber die Namibierdeutschen passen sich an; aus dem altertümelnden Südwesterdeutsch wurde ein Nam-Släng (Namdeutsch, Namlish), in dem sich Deutsch, Afrikaans und Englisch als Sprachinsel vermengen und im Hitradio Namibia, dem einzigen deutschsprachigen Privatsender Afrikas, ausleben.

Gestützt werden diese tiefen deutschen Spuren weniger aus Nostalgie denn Weitsicht durch viele tausend junge Schwarze und Afrikaaner, die Deutsch als Fremdsprache lernen, sowie die etwa 400 in der DDR aufgewachsenen, nach 1990 nach Namibia abgeschobenen schwarzen Ossis von Namibia, die ein Oshi-Deutsch pflegen, eine Mischung aus Deutsch, English und Oshivambo.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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