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Unserdeutsch
Thomas Paulwitz
Deutsches Sprach-Erbe auf Neuguinea

Der Einfluss von Missionsschulen wirkt noch nach

"Du laufen geht wo?" Das ist kein verunglückter Satz eines Schülers, der gerade angefangen hat, Deutsch zu lernen. Es ist auch kein Kiezdeutsch, das man in deutschen Großstädten hören kann, sondern ein Satz aus einer anderen Sprache. Sie wird viele Tausend Kilometer von Deutschland entfernt gesprochen, in Papua Neuguinea und in Australien. Ihre Sprecher nennen es zwar Falsche Deutsch, Kaputtene Deutsch oder Unsere Deutsch; für Sprachwissenschaftler ist es jedoch kein gebrochenes Deutsch, sondern eine eigenständige Sprache. Sie bezeichnen es als Unserdeutsch oder Rabaul Creole German. Es ist also eine Kreolsprache auf der Grundlage des Deutschen - die einzige, die es auf der Welt gibt.

Ursprung Kreolsprachen entstehen aus dem Kontakt zwischen zwei oder mehreren Sprachen. Zunächst kommt es zu einer Sprachvermischung, einem Pidgin als zusätzlicher Verkehrssprache. Die folgende Generation wächst dann damit als Muttersprache auf: Eine Kreolsprache ist geboren. In der Kolonialzeit entwickelten sich die meisten dieser Sprachen. Daher beruht deren Wortschatz meist auf dem Englischen, Französischen, Spanischen oder Portugiesischen. Die größte und bekannteste Kreolsprache ist eine Verbindung von Französisch mit indianischen und westafrikanischen Sprachen: Haitianisch, das heute zehn Millionen Menschen sprechen. Auf Unserdeutsch hingegen unterhalten sich heute nicht einmal mehr einhundert Personen. Es ist ein Erbe der deutschen Kolonialzeit in Deutsch-Neuguinea im Südpazifik.

Unserdeutsch entstand zwischen 1884 und 1914, als die Insel New Britain im Bismarck-Archipel noch Neupommern hieß und die dortige Stadt Kokopo noch Herbertshöhe. Dort in der Nähe lag die Zentrale der Herz-Jesu-Missionare, die von der Ordensniederlassung im westfälischen Hiltrup entsandt worden waren. Die Ordensschwestern unterrichteten dort Waisenkinder aus dem ganzen Land, die aus gemischten Verbindungen zwischen Europäern oder Asiaten mit indigenen Frauen hervorgegangen waren. Unserdeutsch war zunächst eine Gruppensprache (Soziolekt), die den entwurzelten Kindern Identität gab. Sie gaben es an ihre Kinder weiter.

Erst 1979 entdeckt der Australier Craig Volker Unserdeutsch. Um während seines Aufenthaltes auf Papua Neuguinea seine knappe Studentenkasse aufzubessern, hält er Deutschkurse. Eine Teilnehmerin hat bereits Vorkenntnisse, doch ihr Deutsch klingt merkwürdig anders. Das bringt den australischen Studenten auf die Spur. Er schreibt seine Masterarbeit über seine Entdeckung und macht dadurch die Sprache der Öffentlichkeit bekannt. Heute gehört Volker zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die Unserdeutsch aufzeichnet und erforscht. Die Germanisten Péter Maitz und Werner König von der Universität Augsburg leiten das Projekt; eine verdienstvolle Aufgabe, denn Unserdeutsch wird wohl bald aussterben. Nur noch einige Dutzend alte Menschen sprechen es.

Für deutsche Muttersprachler ist das Kreoldeutsch weitgehend verständlich, weil 90 Prozent seines Wortschatzes aus dem Hochdeutschen stammen. Seine Grammatik ist allerdings wesentlich anders. Es gibt im Genus keinen Unterschied zwischen männlich, weiblich und sächlich, es heißt de mann, de frau, de kind. Die Hauptwörter bleiben ungebeugt, weil keine weiteren Fälle bestehen.

Der Plural wird mit alle gebildet: alle schuh sind standarddeutsch die Schuhe. Bei den Verben gibt es nur eine Zeitform: I geht kann ich gehe, ich ging und ich bin gegangen bedeuten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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