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EDITORIAL
Jörg Biallas
Eine Frage der Moral

Das koloniale Erbe ist kein rühmliches. Nirgendwo auf der Welt. Denn das Muster ist überall gleich: Unter dem Vorwand, fernen Ländern die Zivilisation zu bescheren, wurden die Nationen wirtschaftlich und kulturell hemmungslos ausgebeutet. Ohne Rücksicht auf Leib und Leben der Bevölkerung, ohne Bewusstsein für das Recht auf eine selbstbestimmte Zukunft einer jeden Ethnie, zumal im eigenen Land.

Die deutsche Kolonialgeschichte macht da keine Ausnahme. Deutsche Besatzer haben gemordet und geplündert, versklavt und gedemütigt.

Heute ist zu vernehmen, das sei doch wegen der im Vergleich zu anderen Nationen relativ kurzen Kolonialzeit Deutschlands, die zudem territorial überschaubar angelegt war, nicht so schlimm gewesen.

Wer so argumentiert, dem fehlt es entweder an grundlegenden Geschichtskenntnissen. Oder aber, und das ist weit problematischer: Hier soll auf Kosten schon einmal missbrauchter afrikanischer Länder Nationalismus geschürt werden.

Hierzulande hat es lange, viel zu lange gedauert, bis das begangene Unrecht endlich offiziell und deutlich benannt worden ist. Das war gewiss kein Ruhmesblatt für die deutsche Politik.

Inzwischen sind wir einen Schritt weiter. Dass Verbrechen im Namen der Kolonisation nicht wiedergutzumachen sind, steht außer Frage. Deshalb soll nun mit der Rückgabe seinerzeit geraubten Kulturgutes wenigstens symbolisch deutsche Schuld gesühnt werden.

Gewiss eine richtige Entscheidung, die allerdings nicht ganz leicht umzusetzen sein wird. In deutschen Museen lagern Unmengen Exponate afrikanischer Kunst. Was ist davon gestohlen, was rechtmäßig erworben worden? Ist es mit der Rückgabe getan? Oder sollte den Herkunftsländern zusätzlich Hilfe bei der Präsentation der Exponate unter sicherheitstechnisch und klimatisch oft schwierigen Bedingungen angeboten werden?

Fragen, die vermutlich in jedem Einzelfall immer wieder neu zu beantworten sind. Dazu bedarf es eines Miteinanders von Deutschen und Afrikanern. Eine Zusammenarbeit, die unter dem Motto stehen könnte: Moral verjährt nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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